Als Berliner Zimmer bezeichnet man einen Wohnraum, der das Vorderhaus mit dem Seitenflügel eines Gebäudes bzw. den Seitenflügel mit dem Hinterhaus verbindet. Es ist ein großer Raum, der trotz seiner Größe nur über ein einziges Eck-Fenster verfügt, das zum Hof hinausgeht und daher, vor allem in den unteren Stockwerken, wenig Licht spendet. (Quelle: Wikipedia)

Ich verlasse Berlin…

... oh nein, denkt jetzt nicht es sei für immer. Wie könnte ich Berlin den Rücken kehren? Diesem gemütlichen Elend, das einen fett und satt macht, zufrieden im Mangel sozusagen. Grade jetzt, wo ich im angesagtesten Kiez noch eine bezahlbare Wohnung habe und ein wachsendes soziales Netz aus interessanten Leuten.
Unvergleichlich ist dieser Mix aus Weltbürgern und Weddingbürgern, mit allen Wassern gewaschenen Kosmopoliten, mutigen Unternehmerinnen, Transen, Homos, Geflüchteten und lokalen Originalen, die mit Schiebermütze im Café den guten alten Zeiten nachtrauern, als man im Schrebergarten noch Ruhe hatte vor besoffenen Nachbarn, als am Plötzensee noch nicht ständig Disco Beats dröhnten und der Rucksack nach dem Baden nicht verschwunden war, wo frau beim Sonnenbaden nicht frech begafft wurde oder eindeutige Angebote erhielt, wo nicht alle paar Minuten Polizei mit Sirenengeheul anrückte.
Ja, das waren noch Zeiten, als am Humboldtkanal die Apfelsaftfabrik Schwärme von Mostfliegen anzog, als der Altbau des Polizeikrankenhauses noch nicht hinter Glasfassaden versteckt lag und man im Kanal noch in sauberem Wasser mit Flusskrebsen schwamm, damals, als man den Müll im Schleppkahn abtransportierte und drüben die Schornsteine der Borsigkwerke rauchten. „Heut ist ja alles in türkischer Hand,“ klagt der Weddinger Ureinwohner. Auf seiner Schiebermütze prangt das Logo der Polizeigewerkschaft. Sein Schnauzer ist nach Münchner Art getrimmt. Hmmm…
Das gemütliche Elend Berliner Art, was macht es aus? Es ist das Mitleid, das hier die Beziehungen zusammenhält, eine kindliche Solidarität, eine kriecherische Treue bis dass der Tod uns scheidet. Die Berliner und ihr Haustier. Diese Liebe zerbricht nie. Es umgibt sie der Gewohnheitsmief, den man kaum noch bemerkt, es sei denn man fährt mal nach München. Er gehört zum Leben dazu, dieser Berliner Mief, er ist auch mir zur zweiten Natur geworden. Nicht ohne meine Katze!! Ich trinke Quellwasser aus dem Schwarzwald, aus dem Getränkemarkt um die Ecke und hol mir auf dem Rückweg `ne Schwäbische Brezel und fühl mich ganz wie daheim in Ba-wü. Mir fehlt hier nichts. Nur von Zeit zu Zeit muss ich mal für ein paar Tage abhauen… weit weg vom urbanen Siedetopf aus Bewusstlosigkeit, Gier und Aggression, Seite an Seite mit den aufgeklärtesten, bewusstesten und liebevollsten Menschen, die ich kenne.
Katze hin Katze her...
 

Berliner Hauptbahnhof –  Tor zur Welt

 

Als ich nach Berlin zog, befand sich dieser Bahnhof noch im Bau. Immer wenn ich daran vorbeiging, strahlte die überdimensionale Baugrube mit Absperrungen, Materiallagern, Riesenkränen, Schmutz und Baggern nichts als Öde, Mühsal und Frust aus. Ich weiß noch, wie albern ich es fand, dass man extra für interessierte Passanten, einen kleinen Ausguck in Gestalt eines Treppchens machte, der einen Blick über den Zaun erlaubte.

 

Schon kurz nach Eröffnung warfen der Amoklauf eines 16-Jährigen und dem Bruch zweier tonnenschwerer Stahlträger bei einem Sturm einen Schatten auf dieses architektonische Vorzeigeobjekt menschlicher Hybris.

 

Doch das ist mittlerweile vergessen. Seit vielen Jahren dient mir der Berliner Hauptbahnhof als Startrampe meinerReiselust. Schon nach 5 Minuten Busfahrt stehe ich mit meinem Rucksack davor. Auch heute lockt der prunksüchtige Stahl-Glas-Koloss kühl und rein in der Morgensonne mit den wildesten Versprechungen.

 

Mein Herz klopft und mein Atem weitet sich beim Betreten dieses Tors zur Welt. Schon löst sich die Alltagslast von meinen Schultern, die ich zuvor gar nicht gespürt habe. Aber nun … wie leicht plötzlich alles wird … und die Freude ist so echt wie bei einem Kind, das jetzt gleich ein Eis kriegt.

 

Es ist Sommerzeit… Reisezeit… die stille Herrgottsfrühe duftet nach Kaffee und Holunderblüten und leise aber geschäftig rollen die Reisenden ihre Köfferchen über den Asphalt in ihren Pfingsturlaub. Wer schlau ist nimmt den frühen Zug und kriegt einen Fenstplatz, wo noch ein Nickerchen möglich ist, zusammengerollt auf zwei Sitzen, bevorder Bordservice mit dem Kaffee kommt.

 

Ich reise um 5:30 Uhr. Wohin und wozu wird im nächsten Beitrag verraten …

 

Indisch essen, Half Japanese im Quasimodo und Beuys im Delphi

 

 

Manchmal fühlt es sich komisch an, Urlaub zu nehmen vom Virtuellen Hotel Harakiri und einen Ausflug in die Realität zu machen. War ich doch neulich auf so ner Party und hab dauernd gedacht. Das Gesicht kennst du doch. Hundertmal ist dieses Profilfoto an dir vorbeigezogen an langen Abenden in der Lobby. Und dann bewegt es sich plötzlich und spricht und hat eine Stimme, Augen, die blinzeln und irgendwie ist es, als hätten wir seit hundert Jahren vertrauten Umgang.

 

Immer wenn ich einen Ausflug in die Realität mache, gehe ich irgendwo hin, wo ich noch nie gewesen bin. Heute war es dieses kleine indische Restaurant in der Kantstraße Ecke Kaiser-Friedrich Straße, mit dem Direktor. Der Direktor ist älter als Facebook und brachte Ingwerstäbchen von der Konditorei Amendt mit. Das indische Essen erinnere ihn an seine Zeit in Muttenz, wo er einer der Starköche gewesen sei, indisch natürlich. Ich war bei Okra und Mango Lassi doppelt freundlich zum jugendlichen Servicepersonal, um abzufedern, wie der Direktor sie rumkommandierte. (Darüber wird er jetzt zetern, aber das macht nix).

 

Ja und dann landeten wir im Delphi, wo ein Konzert mit einem gewissen Jad Fair im Quasimodo stattfinden würde. Keine Ahnung, wer das ist. Ich steh auf Bach und Strawinsky. Der Herr Direktor ist meist pikiert, wenn ich seine Promis nicht kenne. Dann kam da so ein lieber kleiner Pudel-Typ mit Koffer und ein paar Begleitern um die Ecke. Das ist er! Schon stürzte Stefan mit 5 Belegexemplaren der gemeinsamen Hörspielproduktion auf den Pudel zu um mich dem Kopf von Half Japanese vorzustellen. „Sind wir nicht auf Facebook befreundet?“ fragte ich. Der Typ nickte prophylaktisch, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch. „Kommst du in unser Konzert?“ wollte er dann wissen. Als Star sprach er natürlich amerikanisch.

 


„Ich bin dann mal im Kino!“ rief ich und winkte, während der Direktor mit Promi und Gefolge zum Soundcheck in den Quasimodo-Keller stieg. Der Vorhof des Kulturtempels hüllte die Besucher in einen aphrodisierenden Nebel von Akazienblüte.

 

 

 

Im Kino lief „Beuys“. Warum ich mir ein Ticket kaufte, weiß ich auch nicht. Schon wieder schwarz-Weiße Archivbilder von Fettecken und Kunstaktionen mit Koyoten und toten Hasen aus Zeiten, als ich noch in Windeln lag. Hundertmal gesehen. Aber nein. Diese wachen klaren, durchdringenden Augen, diese Mimik, die sich ständig um den Schmerz herumbewegt, durchlässig wie das Universum, dieses ruhige beharrliche Durchziehen der eigenen Mission trotz übelster Angriffe und Anfeindung, dieses, radikale Engagement für die Kunst als politisches System und Demokratie durch Volksabstimmung… Sätze wie: SCHON EIN GEDANKE IST EINE SKULPTUR MIT DER WIR UNSERE WELT SCHAFFEN… JEDER MENSCH IST KÜNSTLER …. WENN MAN NICHT VERSCHLISSEN IST, BEVOR MAN STIRBT, HAT ALLES KEINEN SINN GEHABT. ICH WURDE ZURECHT GESCHOSSEN (Kriegsverletzungen). Solche Sätze, zusammen mit der heiligen Anarchie dieser Persönlichkeit, sind heute für mich bestimmt. Wir könnten weiß Gott mehr Anarchie, Verrücktheit und Mut gebrauchen, wenn sie im Dienst unserer Lebensaufgabe steht. WAS IST DEINE?

 



(c) Brigitte Hallbauer für Text und Bild

 

 

 

Jürgen Höller Power Days im Estrel Hotel Harakiri

Arm aber sexy, munkelt man über die Berliner Mentalität. Trotzdem wurde auf dem Motivationsseminar für Kleinunternehmer eine halbe  Schule (na ja fast) für die Slums von Nairobi, Kenia gespendet. Mit viel Tschaka, High Five und "You' ve got the Power" wurden dann auch die Berliner Startups aus der Duftmulde gescheucht und zum positiven Denken verführt. Eine Fortbildung im Stil von TV Show und Rock-Konzert. Die schweißtriefenden Bühnenstars liebten ihr Publikum so sehr, dass es ihnen das Herz brach, wenn auch nur einer KEIN Seminar im Wert von 3000 Eur bei ihnen buchte, das noch während der Buchung immer billiger wurde.Wer da nicht kauft ist blöd... oder eben arm aber sexy. Ähem. Das Personal von Hotel Harakiri hatte alle HÄnde voll zu tun, die zerbrochenen Pfeile einzusammeln, die die Gäste an ihren Hälsen geknickt hatten.

Aber Hallo!! Ab morgen wird früh aufgestanden und gehammert und gesichelt statt gejammert und gepichelt. der 5-jahresplan zur Umsatzsteigerung steht und die Visionen purzeln wie nix aus genialen Hirnen. Jeder hat eins. Und die Hühnerställe der Region sind voll von Adlern, die wie Hühner aufwachsen.

Der Verkaufsmotivator sprang in die Luft und zitierte orientalische Weise: Wer nicht tanzt ist tot. Bei all dem Fäuste schwingenden Krach - Bumm Testosterongehabe mussten sich ein paar Mädels doch mal vor die Tür des Estrel Hotels absondern und ihren eigenen Geschäftsstil feiern: Tanzen!!!

Berlin Alexanderplatz

 

 

Ich fege die Silberkonfetti aus dem Friedrichstadtpalast aus meiner Wohnung und lächle verträumt, wenn ich an die fantasiereiche und verschwenderische Kostüm-Parade denke, die Artisten unter Einsatz ihres Lebens auf der Show-Bühne gegeben haben am vergangenen Donnerstag. Jean-Paul--Gaultier hat sie entworfen und selbst Modemuffel wie mich auf den Geschmack gebracht. Der Mensch ist ein Kunstwerk, welches durch Kleidung erst benannt wird. Doch jetzt ist Wochenende. Schnell bei Alnatura und im Türkischen Supermarkt die Wochenvorräte eingekauft, die Wohnung aufgeräumt und dann nix wie weg an die Sonne.
An den zahlreichen Ufern der zahlreichen Gewässer in und um Berlin scharen sich die Menschen. Dort wird Shisha geraucht und Arabisch gesungen, hier wird Bier getrunken und Sprüche geklopft. Am Berliner Dom stakt eine Braut in sehr hohen Pumps und einem Krinolinen-Kleid, das sie krampfhaft festhält, hinter ihrem frisch Angetrauten hinterher und hat Mühe Schritt zu halten. Auf der Brücke posiert ein weiteres Hochzeitspaar vor einem Fotografen. Zwei Teenies schieben einen Lautsprecher mit türkischer Musik, stellen ihn am Spreeufer ab und fangen an zu tanzen. Durch die Straßen kurven hupende Konvois mit Blumen auf den Kühlerhauben. Vor den Eisdielen hängen Menschentrauben. Es ist der erste April. Im Volkstheater läuft „FAUST“. Hm, könnte ich eigentlich auch nochmal hin. Mich zieht es aber jetzt zu Humana, Designer Klamotten aus den Wühlkisten graben, (Das ist wie Ostereier suchen). Kein Kostüm für die Bühne allerdings, sondern mehr so für die Straße, wo der Mensch kein Kunstwerk sondern Konsument ist . Auch hier Menschentrauben, die anstehen bei den Anprobe-Kabinen und an der Kasse. Vor der Tür ein Security Mann (so auch bei Alnatura heute Morgen um 8:30)

 

Am Alexanderplatz ein Massenauflauf an Einkaufenden, Straßenmusikerinnen und Fressmeilen. Hier ein Didgeridoo mit Schlagzeug, dort ein Rapper, und drüben bei Primark eine Percussion Band. Radfahrer, bimmelnde Straßenbahnen, Menschen mit Einkaufstüten... ich ergattere einen freien Platz im Straßencafé und genieße guten Kaffee und Szenerie. Im Smalltalk mit einem Ehepaar aus Kiel erfahre ich, dass morgen der Berliner Halb-Marathon stattfindet. Über 30.000 Menschen werden erwartet. Die Innenstadt wird gesperrt sein. Der Lauf beginnt am Alex. Was beginnt nicht alles am Alex und hat dort nicht alles begonnen oder geendet. Die Geschichte von Franz Biberkopf zum Beispiel, der aus der JVA Tegel kommend ein feiner Mann werden wollte.
Jedenfalls treffen sich an der Weltzeituhr wieder jede Menge Pärchen und solche, die es zu werden hoffen. 
„Und was machen Sie morgen?“ fragen mich die Marathon-Teilnehmer aus Kiel. „Nix wie weg aus Berlin“ sage ich und verrate nicht, wo meine Wandertour hinführen wird.
Durch die fahrradfreundliche Linienstraße radle ich dann nach Hause mit ein paar brandneuen Designer-Stücken von Humana.Und heute abend wird ausgegangen ...

 

Möhrenstraße

 

Wer in Berlin U-Bahn fährt, kann leicht an Psychose erkranken. Denn plötzlich hört der sensible Fahrgast Stimmen. All diese Stimmen, die aus ferner Vergangenheit vertraut herüber tönen und Erinnerungen wachrufen an die Poster von den Stars und Sternchen, die wir damals im Kinderzimmer hängen hatten und denen wir auf dem Roten Teppich zu Füßen lagen: Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen, Brigitte Grothum. Nicht jede BVG Kundin erlebt ein spirituelles Erwachen, wenn Udo Lindenberg, Anastasia und Otto Waalkes die Bahnhöfe ansagen. Für andere wieder gilt: Wenn Träume wahr werden, dann in der U2 nach Pankow. Aber Vorsicht, vielleicht hört ihr auch einfach Stimmen...

Wach ich oder träum‘ ich? Fragte sich jüngst Daphne Elfenbein, als sie von der Bülowstraße zum Alex fuhr und plötzlich Dieter Hallervorden mit der ihm eigenen überspannten Fröhlichkeit durch die Sprechanlage tönte: „Unser nächster Halt ist … Mohrenstraße!“, wobei der Komödien-Opa auf dem „o“ 2 Sekunden lang stehen blieb und sich fast überschlug.

„Möhrenstraße! Das heißt Möhrenstraße!“ krähte Frau Elfenbein geistesgegenwärtig und schnaubte: „Unverschämt, nicht mal in Ruhe U-Bahn fahren kann man, ohne von Promis belästigt zu werden.“

Sofort erhob sich eine Dame mit der Fusseljacke, dem schütteren Haar und der Jute-Tasche von Bio Company und korrigierte: „Mohrenstraße! Das ist Dieter Hallervorden, der muss es ja wissen.“ Dabei klappte ihr Schnappsitz mit einem Knall nach oben.

„Möhrenstraße!“ nun überschlug sich fast die Stimme von Daphne Elfenbein, die es besser wusste als diese pensionierte Oberlehrerin vom Begabtengymnasium. Schon drehten sich zahlreiche Fahrgastköpfe mit unbeweglichen Gesichtern aus dem schnell dahinfahrenden Wurm nach dem Krisenherd in der Mitte des Zuges.  Ein noch nicht ganz Untoter lächelte fein. Die Oberlehrerin klappte ihren Sitz wieder herunter und wiederholte: „Das heißt Mohrenstraße! Ich muss es doch wissen, ich bin schließlich von hier.“

 Möhrenstraße!“, brüllte Frau Elfenbein.

 Mohrenstraße“ brüllte die Schulklassen-erprobte Fusseldame, „das kommt von den 150 Mohren, die Friedrich Wilhelm I 1715 von den Holländern erhielt…

 Rassistin!“ brüllte Frau Elfenbein.

„Schwabenpest! Raus aus Berlin!“ brüllte die Fusseldame.

„Reaktionäres Laubenpieperpack!“ brüllte Frau Elfenbein zurück.

Die Fusseldame stand auf und spie recht feucht und giftig: „MOHRENSTRASSE!“

„MÖHRENSTRASSE!“, „ich hab die Punkte doch selbst gemalt.“

„Hilfe! Hilfe! Ich werde belästigt!“ wandte sich die renitente BVG-Kundin nun an die zusehends verlegenen Mitbewohner der U2 nach Pankow.

„Die muss verrückt sein“, war ihr letzter Gedanke, bevor Daphne Elfenbein die Sicherung durchbrannte. Mit einem kräftigen Schwung weit ausholend haute sie ihre Handtasche (die mit den Nieten) gegen den Kopf der renitenten Rentnerin. Prompt fiel der Kopf und rollte den Gang entlang bis er unter einem Sitz neben dem Feuerlöscher liegenblieb.

„MÖHRENSTRASSE!“ zischte sie.

Das war denn doch zu viel. Der ganze U-Bahn-Zug geriet in Aufruhr. Jemand zog die Notbremse. Man war schon beim Märkischen Museum,  die Stimmen von Anastasia, Sascha Hingst und Otto Waalkes bereits verklungen.

Für Daphne Elfenbein wurde das aber alles ein wenig zu viel. Beim Alexanderplatz musste sie von der BVG-Sicherheit aus dem Zug getragen werden zur notärztlichen Versorgung mit kostenlosem Kaffee und ein paar Ditsch-Brezeln mit Käse und Speck. Von der rassistischen Oberlehrerin, welche in ihrer Psychose die Berliner Straßen umbenennen wollte, fehlt bis heute jede Spur.

Sonntag mit Mauerpark

Durch den Tag tappen ohne Aufgabe, ohne Ziel, sich treiben lassen und dem Instinkt für Wohlbefinden folgen, der Körper kennt den Weg. Es reicht, am See in der Sonne zu sitzen und die Bilder der vergangenen Tage vorbeiziehen zu lassen, die Intensität der Begegnungen, das Glück der Momente beim Austausch von Blicken, Umarmungen, lieben Worten nochmals Revue passieren zu lassen, dabei tief durchatmen und auch die Erschöpfung einer anstrengenden Woche spüren, Nichtstun, leer werden... Ein Kaffee draußen vor der Bäckerei, es ist noch kalt in der Märzsonne. Sie macht so indiskret den Staub in meiner Wohnung sichtbar und drängt mich zur Tat. Nääää, keine Lust.
Möchte lieber in den Mauerpark, der Nachmittagssonne gegenübersitzen und Apfeltee trinken. Ah das tut gut. Unten eine Trommelband, umringt von einer tanzenden Menge, aus der Rauchwölkchen aufsteigen. Es riecht nach Gras. Die tanzen richtig toll und die Stimmung ist riesig. Alle aufstrebenden Künstlerinnen Berlins sammeln sich hier, um ihre Gabe zu zeigen, eine Vision in den hungrigen Augen, rotnasig und geduckt zwischen mageren Schultern, weil es so kalt ist. Jongleure, Malerinnen, Graffitikünstler, Musikerinnen …
Eine junge Frau bietet Zeichnungen an, in denen das Weltall menschlicher Seelenzustände in atemberaubender Tiefe durcheinanderwirbelt. Daneben magisch anmutende Schmuck-Amulette, als seien diese eben aus einem Pyramidenschatz geborgen worden.
Ein  Venezuelaner italienischer Herkunft malt entspannt lächelnd Hände und immer wieder Hände. Hände, die aus der Erde wachsen, Hände, die zugreifen, Hände, die sich öffnen, Hände die aus dem Meer steigen, Hände in allen Zuständen des Seins.
Und dann eine Sängerin, Merryn Jeann, die ihre Songs auf die Straße gießt, mit einer Stimme, so zart und süß schmelzend wie Vanilleeis mit Sahne. Was für ein Talent. Möge sie mit ihrer Musik noch viele Menschen in Schwingung versetzen so wie heute.
Als ich nach Hause komme, koche ich mir erst mal ein fürstliches Menü: Hähnchenbrust in Butter, Knoblauch und Rosmarin kross gebraten, dazu Bandnudeln, Paprikagemüse und ein Salat mir selbst gezogener Kresse. Nun hab ich sogar noch Lust, meine Wohnung zu putzen. Wer hilft mit?

Wellness, Berlin und Erntedank

Dieses Wochenende hab ich die Wahl. Wie alle Anderen suche ich nach Entspannung. Doch selbst Entspannung wird zur anspruchsvollen Managementaufgabe in dieser Stadt, ist es doch schwer, eine Auswahl zu treffen unter der Lawine von Angeboten, die alle mit vollmundigen Versprechungen locken. Das Entspannungsgeschäft gerät beim in der Wellness-Industrie verlorenen Individuum zur anstrengenden Mission unter der Überschrift Selbstfürsorge. Am Ende ist der Geldbeutel leer, das Wort "Entspanung" wurde viele Male in den Mund genommen und der Mensch ist ganzheitlich erschöpft.
Da bleib ich doch lieber daheim und tu gar nichts. Ja, richtig gelesen: NICHTS. Welchen Teil von Nichts verstehst du nicht? Also meine Mutter sagte immer: "A silbernes Nindele un ä goldenes Näanewägele". Das ist Dialekt aus dem Hochschwarzwald. Ihr müsst es nicht verstehen. Ich und meine Geschwister, wir verstehen das, es reicht auch. Heute morgen mit meinem Bruder darüber gesprochen, wie Mama Mohnkuchen gebacken hat und dass sie für Käsekuchen Magerquark und geriebene Zitronenschale verwendet hat. Und Rosinen. Und wie wenig die Schwäbische Bäckerei in der Triftstraße mich an Schwaben erinnert. Doch das nur nebenbei.
Wenn ich zurückschaue, ist dieser Tag des Nichtstuns auf unauffällige Art und Weise sehr ereignisreich gewesen und endet mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit, ein wenig Reue, nicht beim wöchentlichen Freunde-Treffen gewesen zu sein, auch nicht beim Hula-Tanzen, nicht in der tollen Ausstellung in der Gemäldegalerie am Kulturforum, noch beim Neumondritual oder beim Klavierkonzert in den Uferhallen. Mein Gott diese Stadt macht mich verrückt oder sie lehrt mich das Nein sagen, sie ist Himmel und Hölle zugleich, skurril, weil Erntedank gefeiert wird, nachdem wir alle bei Lidl, Penny und Kaisers, Rewe und Netto reich geerntet haben, fortschrittlich, weil hier alle Religionen zu einer großen globalen spirituellen Bewegung zusammenfließen unter dem Flügelschlag der Goldelse und zerrissen, weil auf dem Prenzlberg sich die Berliner und Schwaben in den Haaren liegen und der Fremdenhass schon im eigenen Land beginnt, und das unter ganz und gar aufgeklärten Leuten, die ein Herz für Flüchtlinge haben.
Nun ja, das ist eben Berlin auf meinem bescheidenen Blickwinkel. Wer etwas hinzufügen möchte, kann das gerne tun. Meine reiche Ernte aus den frühherbstlich zerzausten Rehbergen seht ihr auf dem Foto.

 

(c) Text und Bild: Brigitte Hallbauer

Wohlstandsgebet zum Weltuntergang

 

Eierlikör-Schnitte, Badischer Wein, Schwedisches Hafergebäck … Bald werden wir uns um den letzten Liter Milch schlagen im leeren Regal von Kaiser´s. Sie bereiten uns schon darauf vor. Sie zeigen uns wiederholt „Independence Day“ oder „Die kommenden Tage“. Sie füttern uns mit Terror Nachrichten und reichen Schlafmittel dazu. Wir fressen das alles gern und sind stolz auf unsere Einsicht, rühmen unsere Akzeptanz. „Ja ja“, sagen wir, „wir werden untergehen. Gib mir mal die Fernbedienung… und eine Eierlikörschnitte.“ Süß ist sie, herb und etwas ölig, leicht faul schmeckt sie und gleitet mit einer Überdosis Zucker den Schlund hinab, in dem schon so Vieles achtlos verschwand. Sie hinterlässt ein Prickeln, das uns entschädigt für all die unverrichteten Dinge, die wir zurücklassen. Endlich hat es ein Ende mit der Aufschieberei, dem schlechten Gewissen.  Und dann fangen wir an zu beten, zu einem Gott, den wir grade gebrauchen können:

Oh Herr, lass uns nicht ohne Milch sterben, die wir so gern in meinen Kaffee tu. Aber lass es H-Milch sein, die andere schmeckt zu sehr nach Kuh. Oh Herr, mach dass es nicht wehtut und dass uns die Schlafmittel niemals ausgehen, verschone uns mit der Erkenntnis unserer selbst, denn wir haben genug damit zu tun, Andere zu kontrollieren.

Es gäbe noch so viel sagen, doch wir müssen los, bei Karstadt ist Schlussverkauf, ein Outfit kaufen. Denn wir wollen anständig aussehen, wenn der Tod uns abholen kommt in Gestalt einer großen giftigen Wolke.

Ach wenn wir nur wüssten, welche Währung nun gilt auf dem Mars. Wenn wir wüssten, ob sie dort Kreditkarten nehmen. Wenn wir nur wüssten, was unsere Aktien dort wert sind. Wir würden gewiss ruhiger schlafen. Aber so… gibt es nur noch einen Steirischen Rosé, ein biologisches Sushi, ein veganes Soufflee. Topf und Pfanne sollen gefüllt sein. Das Haus der Hundert Biere hält noch viele Wunder bereit und noch lange sind nicht alle Freuden gekostet. Ihr wisst, was ich meine, das Erdbeer-Baiser, der feurige Rausch, die exotische Brise, das heimliche Deja-Vu.

Oh ja, wir geben acht, dass die Sinne nicht stumpf werden, das schmälert die Lust. Wir geben acht, dass Vielfalt sei in den Genüssen, denn das Immergleiche schafft Gewöhnung und Gewöhnung macht stumpf. Wir sind neugierig. Zu immer neuen Ufern des Genusses brechen wir auf, die man uns nahezu kostenlos bietet von links und von rechts, bevor alles einbricht und ein Schlund, der schon lang nichts mehr gefressen hat, uns in die Tiefe reißt, aus der wir nicht wieder auftauchen.

Eierlikörschnitte, Badischer Wein, Schwedisches Hafergebäck Adieu. Wir haben euch geliebt mehr als gut war. Oh unser Absturz wiegt schwer und es wird dauern, bis die gute Erde das alles verwandelt hat.  So sei es.

 

© Text und Bild: Brigitte Hallbauer

 

 

Den Regenbogen berühren

 

 

Mit Augen an meinen Fingern dehne ich blaue Teiche an ihren goldenen Rändern. Sie duften nach Licht an und die schwarzen Löcher wiegen schwer unter dem weißen Stein. Auf meiner Zunge zergehen sie und sind meine ureigenste schwerblütige Schöpfung.

 

Kastanien säumen den Weg. Ein dichtes Dach aus grün-weißen Liedern wölbt sich über jedem Schritt, der mich hinab führt, hinab ins feurige Herz der Erde, wo ich meine Wurzeln tiefer treibe Jahr um Jahr. Die Kastanien sprechen zu mir. Sie sagen „Liebe“ und noch einmal „Liebe“ und wieder „Liebe“. Ich verstehe ihre Sprache nicht. Es klingt ein wenig wie die Lieblings-Strophe des Buchfinken.

 

Ich schließe die Augen an meinen Fingern und fliege. Baum um Baum bis ans Ende der Allee. Dort wartet der Tod und jeder Flügelschlag ist ein Fest und jeder Atemzug ein Gebet und jede Strophe die ich singe sagt: Danke. Ich hab den Regenbogen berührt.

 

Berliner Frühlingsimpressionen

 

Im Frühling wollen wir allenthalben unser Leben in Ordnung bringen. Das geschieht auf so viele Arten, wie es Menschen gibt. Die einen sind seit Ostern auf Diät und bringen ihren Körper in Ordnung. Das ist auch schon was. Wenigstens das eigene Gewicht sollte man doch beeinflussen können, wo doch sonst nur wenig auszurichten ist gegen die Zwangsabgaben für dubiose Rundfunksender, die keiner will oder die leeren Kassen für Rentner, die aus der DDR geflohen sind, gegen die Abschaffung des Bargelds und gegen die Kontrolle der Wirtschaft durch die USA, gegen unsere schleichende Vergiftung durch Nahrung und Wasser und miese Gedanken.

 

Die so genannten spirituellen Menschen munkeln und unken verstärkt vom Weltuntergang, vom neuen Bewusstsein und unauffällige Stadtindianer grüßen einander heimlich in der Drehtür zwischen Starbucks und diesem neuen Filipino Diner, wo das gemeine belegte Brötchen mit Burger-Titel als Traditionelles philippinisches Gericht durchgeht. Indessen lockt auf dem Bahnhofsvorplatz eine dröhnende und bildgewaltige Werbe-Show für Mexico zögernde Besucherinnen an. Junge hübsche Frauen verteilen „Freikarten“, denn es ist gratis – wo gibt es denn so was noch – doch man ahnt schon, das Express Reisebüro wartet am Ende der Ausstellung, worin die eitle Besucherin sich virtuell Tacos zubereiten oder mexikanische Mode anprobieren kann.

 

Mexiko – ein aufstrebendes Land! Heißt es auf dem Großbildschirm mit rasch wechselnden Bildern. So rasch, dass ich nur flüchtig lesen kann: „Ein großer Mummenschanz“ - stand das da wirklich?

 

Nun ja, jedenfalls rufen ein paar betrogene Rentner vor dem Regierungsgebäude ins Mikrofon nach Frau Dr. Merkel wie Kleinkinder, die aufs Klo müssen. Die Kanzlerin möge doch aus unserem Land wieder einen Rechtsstaat machen. Wieso? Der ist doch schon rechts, rufe ich leichtsinnig in die Polizeiabsperrung hinein, worin freundliche uniformierte Damen die Demonstranten davon abhalten, mir einen Flyer auszuhändigen. Da kann man nix sagen, gewalttätig gehen die nicht vor. Die Polizistinnen sind wirklich sehr sehr sehr nett. Bestimmt gehen die nachher mit den Demonstranten gemeinsam in die Strandbar an der Spree und trinken gemeinsam Daiquiri und lümmeln in den Liegestühlen. Ich hab den verbotenen Zettel aber dann doch erwischt. Wacker und rechtschaffen sehen sie aus, unsere Demonstrantinnen. Einfache gradlinige Menschen, denen hüben wie drüben nichts vergönnt war außer Kleinkariertheit und eine passive Empfängerhaltung. Drum können sie auch nicht anders, als die CDU mit Sozialistische Einheitspartei zu bezeichnen. Da fühlen sie sich dann ganz wie daheim.

 

Ich mache mir Sorgen, ob ich wohl auch bald schon wieder im Gefängnis lande, wenn ich auf dem Bürgersteig fahre mit meinem Fahrrad oder einmal vergesse, ein Formular rechtzeitig einzureichen oder eine Rechnung zu bezahlen, oder wenn ich eine Premium Mitgliedschaft aufgezwungen kriege, weil ich versehentlich danaben geklickt hab, oder weil ich diesen Demo-Flyer entgegengenommen hab. Es wird ja immer schwieriger, legal zu bleiben in diesem Land.

 

Ich schlage daher vor, die Städteplanung gleich von vorn herein auf riesige Gefängniskomplexe auszurichten, die sämtliche Infrastruktur und Komfort bieten wie Cafés, Supermärkte, Internetanschlüsse, Reisebüros, und und und …Das würde unserer famosen Kultur allerhand Schwierigkeiten ersparen und die noch legale Minderheit der ganz Braven darf sich freuen, gemeinsam mit den Geflüchteten aus den Kriegsgebieten in Turnhallen zu kampieren. Im Sommer könnten sie dann im Grundwald ihre Zelte aufschlagen und mit einem Trainingslager für interkulturelle Zusammenarbeit solvente Kundschaft aus dem Ausland anziehen, etwa aus Bayern oder der Türkei...

 

Nun ja, das sind alles so unsortierte und unfrisierte Gedanken, dir mir erlaubt seien, denn es macht mir nichts aus, mein Gesicht zu verlieren, wenn ich nur meinen Arsch noch retten kann...

 

mit freundlichen Grüßen,

Vorzimmer von Dr. Gott

 

um 17:00 Uhr muss ich mich an der Gefängnispforte zurückmelden. Da sitz ich ein wegen Majestätsbeleidigung. Nein, es war nicht Herr Erdogan. Es war ... Doch davon später... wenn man mich lässt ...

 

Schokolierte Mangostreifen

 

Liebe Gemeinde, dies ist die wahre Geschichte von Daphne Elfenbein, größte Lügnerin aller Zeiten und Zeitungsente in einer Großstadt des 21. Jahrhunderts: Berlin.

Die kleine Daphne wurde unter dem Ladentisch eines Toto Lotto Kiosks im Wedding geboren. Grade lieferte eine Großbäckerei aus Großbeeren die frischen Brötchen an. Kaffeeduft zog durch den Blätterwald der druckfrischen Zeitungen. Die Mutti rückte ihre Kleider zurecht, kämmte ihr von der Geburt derangiertes Haar und begrüßte, hinter dem Ladentisch stehend, den nächsten Kunden. Hin und wieder verschwand sie, um nach dem Baby zu sehen, das im Lager hinter dem Ladenraum auf einem mannshohen Stapel der Neuen Illustrierten Wochenschau lag und strampelte. Der Säugling hatte also Zeit genug, schon bald alle Zeitungen zu lesen, die ihm als Kinderbettchen dienten. Schon bald las das kluge Kind alle Zeitungen, derer es nur habhaft werden konnte und wurde im zarten Alter von vier bereits kurzsichtig davon.

Die Mutter des Mädchens war arm und ging nie zum Arzt. Irgendwann schenkte ein Stammkunde dem Kind eine Lupe von MäcGeiz in der Müllerstraße, damit es lesen konnte. Denn ihr intellektueller Hunger war größer als die Lust auf schokolierte Mangostreifen, die die ersten drei Lebensjahre die Hauptnahrungsquelle des Mädchens darstellten, die Mutter hatte ein Abo bei Hussel. Selbst als Klein Daphne an der Mutterbrust Kakao schlürfte, las sie nebenher das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen. Die Lupe brauchte sie erst, als sie mit der Börsen-Zeitung anfing.

Während die Frau Mama verhärmt hinter dem Ladentisch stand und Kaffee trank, erwachte in dem Kind die Neugier auf die Welt. Aufregende Verbrechen, große Wirtschaftsunternehmen, Völkerwanderungen, Krieg, Vertreibung, Hunger, Geld, Konsum und Kultur galt es zu erkunden. Klein Elfenbein wollte ihre eigene Zeitung schreiben, worin sie die Welt durch ihre Lupe sah: Der Titel: Schokolierte Mangostreifen. Die Frau Mama versuchte noch, das Kind zu verhexen, damit es bleibe und ihr im Laden helfe. Und gewiss wusste sie nicht, was die ersten festen Schuhe bewirkten, die sie dem Kind für draußen kaufte. Sie waren von einer solchen Qualität, dass sie Flügel bekamen, wenn das Kind sie anzog, und wie von selbst über den Boden glitten. Hei was für ein Spaß! Fahrtwind, Tempo, Asphaltstraßen wie Moos und eine Fußmassage noch dazu, die die Energie bis in die Redaktion des Kinderkopfes schickte.

Ja, die Zeit war jetzt reif geworden. Klein Elfenbein schwirrte seit ihrem 05. Geburtstag, den sie in der Schuh-Abteilung von Woolworth feierte, auf ihren Wunderschuhen durch den Wedding und hielt ihre Lupe auf all die Wunder und Wunderlichkeiten, die dieser Metropolenausschnitt zu bieten hatte: Atemberaubende Trödel-Läden, türkische Cafés mit Mango-Spezialitäten, Coffee Shops mit einer unvorstellbaren Auswahl an Tageszeitungen, Frisörläden mit Drachen im Schaufenster, und und und.

Bald schon gesellte sich eine streunende Katze namens Daisy dazu. Sie war aus einem Donald Duck Band für Shakespeare Liebhaber entlaufen und gemeinsam hingen die beiden gern bei den Trinkhallen und Toto Lotto Kiosken der Umgebung herum und betrachteten mit kindlich journalistischem Blick das bunte multinationale Treiben um sie herum. Wenn sie es nur verstehen könnten, das Gewirr von türkischen, arabischen, afrikanischen Dialekten. Englisch hatten sie ja in der Börsen-Zeitung gelernt, aber das kam eher selten vor. Hmmm...

Die Wanderungen von Daphne und Daisy wurden länger. Ihr Revier vergrößerte sich und erstreckte sich schon bald bis zum Regierungsviertel an der Spree, wo sie gern im Plenarsaal saßen und Debatten verfolgten, während die arme Frau Mama daheim für den Lebensunterhalt sorgte und sich immer öfter besorgt ans Herz griff, dann aber tief und dankbar das Düfte-Potpourri ihres Ladens einatmete, während ihr Kind mit ihrer vierbeinigen Freundin im Plenarsaal in den Besucherreihen saß und Debatten verfolgten. Im Bundestag herrschte eine ganz besondere Stille und eine meditative Langsamkeit, die an Stillstand grenzte, sodass Daphne nicht selten mit ihren Flügelschuhen scharrte. Es war nicht leicht, in der einen Hand schokolierte Mangostreifen zu halten und in der anderen Hand den Stift auf dem Papier zu führen, das auf ihren Knien lag. Abends ging sie mit Daisy vietnamesisch essen und sie debattierten über Politisches: Das hörte sich etwa so an: Miau – schlürf – schleck – miau – fauch – schling – schluck... Daisy naschte Thunfisch und Daphne löffelte unter ihrer Lupe die Welt.

 

Fröhlich baumelte das Lesegerät den Hals der kleinen Elfenbein, als sie auf der Torfstraße laut verkündete: Leute! Es ist Zeit die Welt zu verändern! Schließlich haben nun auch Kinder nach langen Kämpfen das Wahlrecht bekommen!

Tja, liebe Gemeinde, wenn Sie jetzt bis hierher gekommen sind, ist das toll! Denn hier beginnt nun der lehrreiche Teil der Geschichte. Kann ein Mensch, der mit schokolierten Mangostreifen aufwuchs und schon mir drei eine Lupe zum Lesen braucht, ein gesundes Urteilsvermögen entwickeln? Wie kam es dazu, dass unsere kleine Lebenskünstlerin sich in ihrem Parteiprogramm plötzlich einen Wedding ohne ausländische Dialekte ausmalte, rein wie ein Toto Lotto Kiosk, sauber und aufgeräumt, immer pünktlich geöffnet, nette Gespräche mit Stammkunden, die bei der BVG oder BSR arbeiteten und bald in Rente gingen, einer Katze, die im Schaufenster schlief... Aber es stimmte: Daphne Elfenbein wollte nicht nur den Wedding verändern, sondern die ganze Welt. Alternative für Deutschland, nannten sie daher die Partei, die sie gründete, mit dem Parteiorgan „Schokolierte Mangostreifen“, schon bald die stärkste Kraft im Land?

 

Hoffentlich nicht. Liebe Gemeinde!! Hier mein Appell: Sorgen Sie In Gottes Namen dafür, dass es nicht so weit kommt.

 

Lustiges Gedicht

die größte Offenbarung ist die Klinge. Die stillste Gnade ist der Krieg. Die kleinste Plage ist das Gänseblümchen. Das klügste Baby ist der Königsstern.

Doch blutig ist die Nacht und schwer wiegt ihre Decke aus goldenen Talern.

Die kannst du keinem Pferd verfüttern. Und trotzdem ist Pegasus meine Lieblingssternschnuppe.

Habt ihr jetzt etwa gelacht? Ich hör euch doch... doch... doch...

09.03. Richte deine Gedanken nach vorn...

 

„Oh nee, nicht schon wieder!“ Ich hau auf den Wecker, der zu Boden stürzt. Das Deckglas rollt über den Boden. Micky Maus, vom Zifferblatt befreit mit schrillem Getös´, in das sie eingeschlossen war, rennt hinter die Lamperie und verschwindet in einem Loch. Ich bin ein Roboter, der eben „oh nee“ gestöhnt hat. Insgesamt aber funktioniere ich gut. Zwanzig Jahre funktioniere ich schon fehlerfrei, denke ich stolz, als ich nach dem Duschen Makeup auftrage, in mein graues Kostüm steige und meinem Putzilein einen Abschiedskuss auf die Stachelwange stemple, bevor ich mit meiner Laptoptasche aus dem Haus stürze. Das Übliche. Wir Frauen kennen das ja. Punkt acht stake ich in der obersten Etage auf meinen High Heels durch die Teppichflure, grüße links und rechts, ein Jungroboter (Trainee genannt), reicht mir Kaffee und dann sitze ich einer Ex-Geschäftspartnerin gegenüber, die jetzt eine erbitterte Konkurrentin ist. Nun ja, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, nicht wahr. Damals hat sie einen billigeren Hersteller für mein Produkt gefunden und sich heimlich selbständig damit gemacht. Doch lassen wir das. Ich rühre langsam in meinem Kaffee und warte ab, bis sie zur Sache kommt. Im Augenblick sondert sie Schmeicheleien ab. Irgendein Unwohlsein in meiner Hardware verlangt nach Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich die Monatsregel. Von Meeting zu Meeting bis Mittags. Ich zieh den Blazer an und will in die Sushi-Bar mit ein paar Kolleginnen. Da will mein Trainee einen Anruf durchstellen. Privat. Ich roll´mit den Augen, denn ich fürchte um meinen Feierabendtermin, russische Ekstase-Massage. „Hey Liebling, wie geht’s dir?“ Schon der Klang der Stimme macht mich fuchsig. Diese transusige Gefühlsduselei. Und an der Fassade turnen die Fensterputzer auf ihren Gondeln herum.

„Oh, hi Schatz, was gibt’ s, alles in Ordnung?“, frage ich.

„Wollte nur mal anrufen und fragen wie ´s so geht.“

wieder dieses dünne kraftlose Stimmchen. Ich mach eine Grimasse, reiß mich zusammen und rufe die Familiensoftware auf.

 

„Wie geht’s dem Baby?“

 

„Oh danke gut, Liebling, der Milchschorf klingt ab, nur ich hab noch Narbenschmerzen und fühl mich schlapp.“

 

„Schlapp, hmmm.“, sage ich und denke: Wieder kein Sex. „Du Putzilein, ich hab´ heut abend noch ein Geschäftsessen. Kunden aus Japan. Es wird so gegen zehn.“

 

„Nie bist du daheim. Immer bin ich allein mit dem Kind. Ich seh´ dich kaum noch.“

 

Mir schwillt die Brust, wie ich das höre. Aber ich habe mehrere Management-Trainings und Seminare für Führungskräfte absolviert und weiß, was jetzt hilft: „Ach komm schon Putzilein. Richte deine Gedanken nach vorn und lass dich nicht festhalten. Rasier dir den Bart, geh mit dem Kind in den Park. Tu was. Ich habe noch zu tun, sorry – äh – mein nächstes Meeting...“

 

Feierabend. Auch den heutigen Tag absolviere ich wieder mit Höchstleistung. Mein Trainee schickt mir schon wieder diesen anhimmelnden Blick, die Direktorin stellt mir im Gehen einen Leistungsbonus in Aussicht. Ich zieh meinen Rock glatt, steig in den Jaguar und fahre ...

 

(c) Text und Bild: Brigitte Hallbauer

 

07.03. Unverhofft

 

Totenwerkstatt, Seelencenter, Tomaten-Kino, Venus-Duplo... Ich weiß nicht, was noch alles am Straßenrand mich anspringt, als ich vorbeifahre auf dem weg zu... aber das hab ich auch vergessen, denn unverhofft stellen sich mir betretene Boten in den Weg, ausgerechnet in der Zone der Begegnung, die menschenleer ist, wie immer. So kann es gehen, wenn man durch die nassen Straßen fährt und der Drahtesel nur hin und wieder ächzt, wenn es hart über den Bordstein geht. Bei Kaiser´s gibt es PIN Briefmarken. Lakritz schmeckt angeblich wie rasierte Männerbrust mit Muskeln und nachts liefern die Laster den Spargel an.

 

Wo wollte ich eigentlich hin? Egal. Mein Fahrrad weiß den Heimweg inzwischen allein zu finden. Ich sitze nur obendrauf und schau zu, wie links und rechts die Reklamen, die ganzen perversen Kopfgeburten, die einem das Hirn zumüllen … bis – unverhofft – besagte betretene Boten sich vor mir aufbauen an besagter Stelle.

 

Schlimmer ist nur der Traum, denn sie sind Mensch gewordene Verbotsschilder und tragen Uniformen und winken höchst autoritär, sodass es unumgänglich ist, für mich und den Esel, anzuhalten, die Fenster trübe vom Nieselregen, und von fern den Ruf „Betreten Verboten“ zu hören. „WAS? Betreten verboten?“

 

Mir ist noch immer nicht ganz klar, warum mein Weg jäh unterbrochen ist, der Esel scharrt mit den Hufen und ich blinzle hinter beschlagenen Augengläsern in die Masken dieses Venus-Duplos aus dem Lizei Parasidium, welche nun mit einem gelben Zettel winken und nach meinen Personalia fragen. Es fällt ja nicht mehr auf, wenn man verrückt ist in dieser Stadt. Unverhofft habe ich auch meinen Namen vergessen über das Riesenplakat mit dem Namen „Mundstuhl“ und Ausweis? Was für ein Ausweis? Tut mir leid, Ausnahmsweise nicht dabei, sage ich, aber warum gehen Sie nicht ins Tomaten-Kino, sage ich, und deute auf ein riesiges Glashaus, das fürchterlich lärmt, und nehmen den nächsten Zug in die Totenwerkstatt? Ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen.

 

Und – unverhofft – schwingt mein Esel die Hufe und wittert die heimische Tür, die Rücklichter stolz auf die betretenen Boten gerichtet, die nun in der menschenleeren Zone der Begegnung stehen.

(c) Text und Bild: Brigitte Hallbauer

 

Nur ein Gedanke

 Ich zerstückle die Zeit in Tage und Stunden

 

um den Abstand zu messen

 

von da wo ich anfing zu atmen

 

dabei vergesse ich ganz

 

dass Zeit der Ozean ist,

 

der mich  trägt

 

einen Wimpernschlag lang

 

lebendiger als der Staub

 

zu dem ich zurückkehre

 

an einem Tag, den mir keiner verrät

 

und ob er dort steht und meinen Namen ruft

 

am Ende des Regenbogens

 

weiß ich doch lediglich Eins:

 

In diesem Atemzug bin ich geborgen

 

und auch mit dem nächsten Einsaugen von Luft

 

kann der Tod mir nichts anhaben

 

So sei es

 

 

Die Seelen rufen

 

 

Danke für den Regen. Danke für den Wind. Danke für das Tannenrund. Danke für die Wege. Danke für den Tee. Danke für die offenen Herzen. Danke für das Rotwild. Danke für die Spechte. Danke für die verlorenen Seelen.

 

Ihr dürft wieder kommen. Wir rufen euch. Es ist nicht so gefährlich, wie ihr denkt. Seht den Tanz der Libelle im Licht. Hört wie die Bäume eure Namen rufen. Habt ihr von all den Wundern nicht genug gesehen? Geliebt seid ihr, unendlich geliebt.

 

Möge der Wind den Schmutz aus euren Äuglein blasen. Möge der Regen ihren Glanz erneuern. Möge das lichtsatte Laub wie Sterntaler in eure geöffneten Schürzen regnen. Möge unser Geist der Fülle keine Grenzen setzen. Mögen die Schrecken der Nacht mit den Nebeln davonziehen. Möge das gepeinigte Herz sich beruhigen. Ruhig... ruhig... alles ist gut.

 

Wir rufen euch, ihr verlorenen Kinder. Wir trommeln und klirren mit dem Scherbengewand des Schmerzes. Kommt zurück! Der Tod ist besiegt und nichts, nichts in der Welt kann uns mehr trennen. So sei es.

 

Lullaby

I long for the land

where the wingless fly

and silent cries touch an empty sky

I hold the moon in my palm

reminding me

of that primordial dream

emerging from a timeless stream

see how the dandelions break through the brick

and angeleyes breathe

sweet sleep on my lips

 

((c) Text und Bild: Brigitte Hallbauer)

Bloody Valentine' s

 Die Liebe ist ein Kletterfunken zwischen Spitzbergen und Feuerland, ein bebänderter Frieden, von den Steinen zu den Sternen, ganz wie das Singen der Bäche, Choräle Blumen im Ohr. Seht! Paarweise kriechen sie unter den Steinen hervor und putzen ihr silbernes Ätherkleid. Die Vögel wetzen die Schnäbel und im letzten Schnee balzt ein Adler. Unten keckert das Eichhörnchen einen Wirbel in die Luft. Kaum Bäume in Feuerland. Es gibt nichts zu berichten aus den Dunkelkammern des Bluts.

(Text und Bild: Brigitte Hallbauer)

 

 

Tröstungen (8)

Die Erfahrung der Jahre ist mit uns. Wir wissen, was wir wollen und wer wir einander sind, der Schmerz und ich. Alle Gliedmaßen folgen uns wie eine Symphonie. So wie auch die Kühe verschiedenfarbige Kräuter fressen und doch ist ihre Milch nicht grün. Man muss sich fortbewegen, und keiner weiß wie. Fiebrige Augen blicken mich aus Abgründen herauf an, todgeweiht. Kühl ist das Tal. Pelziger Sonnenschimmer auf Moosfingern, die über den Bergahorn streicheln. Fremd und unbeholfen hockt eine Krähe auf einer Bank.

In Berlin fallen die ersten Bomben. Kranke und Geflüchtete nehmen ihre Sterne ab und hasten durch Straßen, werfen sich an Mauern unter dem bösen Brummen herab stoßender Drohnen. Man muss die Gegenwart trennen von vergangenen Gräueln. Man muss die Grausamkeit neu erfinden. Der Friede der Warenwirtschaft beinhaltet das Frühstücksei. Gedanken am Wasser, worüber die Flöhe huschen. Der Kuckuck ruft. Der Schnee ist fort. Das Fieber kommt später. Schmelzbäche springen aus dem Fels, Hier geschehen noch Abschiede. Sie duften nach Rose und Feige und passen nicht in diese Welt. Die Zyklen der Sonne mit ihrem mörderischen Licht auf abgestellten Fahrrädern, leeren Pferdeställen, geschlossenen Verpflegungsstationen. Viele Wege wegen Winterschäden gesperrt. Die Wiesen glänzen von Tauperlen in frisch geschlüpftem Frauenmantel. Schon öffnet der erste Löwenzahn seinen Kelch. Ein dumpfes Greinen kündigt den Schrei an. Die Geschäfte öffnen ihre Türen.Tage im Dunstkreis des Schmerzes, angesichts von Bergpanoramen, Aufstiegen, Abstiegen und Ruhebänken, in einer Welt, in der es keinen Trost gibt, aber jede Menge Schnaps.

 

Tröstungen (7)

  Kühl liegt die Nachtluft auf meiner Stirn. Der Tod hat eine eiserne Klammer um meinen Kopf gelegt. Schwer lastet der Traum. Ich brenne und hin und wieder fällt zischend Wasser auf den Brand. Auch aus den Augen schlagen jetzt Flammen. Unten liegt ein umschlungenes Paar. Ich gehe auf leisen Sohlen. Ich stehe auf und lege mich hin, getrieben vom Glück des Alleinseins. Ich steure den Sturm, der unlenkbar ist, singe gegen die Zeit an, bin da und stürze tief, zähle die Tage nicht, die aus den Kalendern fallen, suche die Flusstäler auf, die lieblichen Höhen, das duftende Moor. Da liegt ein stiller Weiher, dort unten sprudelt ein Bach. Jeden Stein drehe ich um. Jedes Kräutlein wird zwischen den Fingern zerrieben und berochen, bevor es in meiner Tasche verschwindet. Der Kuckuck ruft. Es ist Dienstag. Das Fest ist vorüber. Ich bin grußlos gegangen. Ich werde nicht wiederkommen. Eine Beklemmung schaukelt auf und ab zwischen Magen und Kehle, sodass Essen zur Qual wird. Ich bewege das Wasser, in das ich meine Bitterkeit schütte, Auf einer Bank sitzend warte ich auf den Löwenzahn, betrachte ihn von allen Seiten. Ach dass wir uns wieder haben, der Löwenzahn und ich. Dabei bin ich längst fort, sodass es eine Gnade ist, die der Schmerz über mich ausschüttet mit seinen Metaphern. Verwandlungsschmerz, Engelsschmerz. Nur ein dummes Wort könnte uns trennen. Drum halte ich still, halte still. Die Wege kreuzen das Grün grade und rein. Oben die schneeigen Gipfel.

 

Tröstungen (6)

 

Beim Herzausreißer sitzen, bis Liebe und Schrecken aus sämtlichen Zellen abfließen wie wenn man den Stöpsel aus schmutzigem Badewasser zieht. Der Engel der Finsternis stößt ein seltsam hohes Pfeifen aus, wie der Warnruf des Murmeltiers. Du sagst: Lass die Toten ruhen. Ich sage: Gier. Du sagst: Jetzt hat das Ende begonnen. Ich sage: Oh bitte! Was bleibt, ist der Friede der Amputierten, die Gnade des Mitgefühls, das Eins Werden mit dem Leid der Anderen. Das ist das Los der Vergessenen, die sich schon in der Wiege die Seele aus dem Leib schreien.

 

Ich klettere herab von Schoß des Engels. Ich liebe und werde geliebt. Ich verachte und werde verachtet. Ich stehe im Regen, doch dafür habe ich einen Schirm. Ich schlafe in frisch bezogenen Betten fremder Häuser und lausche dem weinenden Himmel, wie er sich ergießt über blühendes Grün. Es ist ein Verbrechen, wie das duftet. Der Regen räumt die Wege fußgängerfrei. Ich bin pünktlich beim Bahnhof, warte auf den nächsten Anschlusszug. Ich fahr in den Schnee, in die Berge, ins ewige Eis.

 

Tröstungen (5)

 

Alles ist Liebe. Voll Schnee und Eis ist sie und böse Splitter lässt sie im Fleisch zurück. So viele Kriege sammelte die Liebe auf meinem Haupt, dass sie ein Leben lang nicht zu Ende geweint werden kann. Ich habe sie auf mich genommen. Meine Wurzeln sind tot. Tot strecken sich die Gerippe meiner Äste. Sag jetzt nicht, dass du es nicht gewusst hast, Engel. Sag nicht, dass es zu spät sei. Ohne Liebe hätte es den Krieg nie gegeben, nicht den Schmerz und nicht die Wiederholung des Unsinns. So als habe man stets genau diesen Ort gesucht, so wie man sich einen Lieblingsfilm wieder und wieder ansieht. Nämlich zusieht, wie er Tag und Nacht ohne Betäubung die Eingeweide zerfleischt. Die Welt weiß nichts vom Schmerz. Nichts ahnt die Welt vom Zustandekommen der Liebe. Metapher für das Undenkbare, Formel für Tod und Untergang, erlesene Folter, Quell am Rand der (Er)Schöpfung. Engel der Finsternis – dein Name ist Liebe, Nacht und Tod. Der Platz neben mir ist leer. Doch da ruhen deine Augen auf mir. Sie brennen Löcher in mein Fleisch im Akt der Vernichtung. Da, hinter dieser Tür ging mein Lächeln verloren. Dort steht ein Geharnischter und sagt: Es wird nie wieder gut. Die Tür schlägt zu. Ich bleibe zurück: Zersplittert und froh.

Tröstungen (4)

Engel der Finsternis! Mach jetzt das Licht nicht an, bis ich sämtliche Kinder des Schmerzes  geboren hab. Halt mich fest, wenn ich die Flüsse durchwate. Dein Thron ist kalt und aus Obsidian.  Deine Lapislazuli - Flügel fächeln die Nacht. Ich lege meinen Kopf in deinen Schoß und sehe zu, wie deine Hände meinen Abgrund zuschütten, wie deine Hände das Nein absägen, das mich an den Wurzeln zerfrisst. Ich zerfließe in deinem Schoß, Engel der Nacht, ich durchströme dich, während du wachst über Schlaf und Traum. Leer wird mein Gefäß, damit es das Neue aufnehmen kann. Du lässt Gelächter durch deinen goldenen Hals rinnen und den Tod in mein Gefäß. Langsam werde ich kalt am Ort der Gnade, langsam krümme ich mich, während ich zusehe: Sterben, Welken, Niedergang: Möge der Schrei der Blumen Zeuge sein auf den Gräbern des Verbrechens.

 

 

 

Tröstungen (3)

Ich muss dabei an ein Kaleidoskop denken. Das völlige Fernsein von Intaktem. Im Scherbenschnitt  abrupt wechselnde Landschaften mit vagem Ausgang. Und mit dem Anschlusszug - da steige ich regelmäßig ein und aus - träume ich weiter, sitze auf einem Fels, von Flusswasser umspült, und wasch mich mit der Asche meiner Mutter. Esse meine Faeces, auf den Leichnam meines Bruders.  Und ja - Schlüsselblümchen und Löwenzahn am sprudelnden Quell. Teppiche von Löwenzahn: grell wie ein Schrei, schreiende Wiese, Aprilwiesenschrei. Wie das Balzen, Laborieren und Reiben von Forsythie, Kirschblüte, Schlehdorn und so. Osmotischer Klumpatsch, Drachengespann.  Ohnehin habe ich  keine Rückfahrkarte.

 

In Berlin jetzt wiederholt Bombenalarm. Bösester Hunger. Tagelang nur trockenes Brot und Pellkartoffeln. Die übrigen Zutaten werden halluziniert. Gas für den Herd gibt es kaum. Verdunklung.

 

Tröstungen (2)

Dann passiert es:  Es erscheint ein Wald mit vollkommen eingebrochener Architektur. Hier und da ragt Gestänge, das ironisches Blattwerk treibt, Seufzer ausstoßend, weil wieder Saison ist. Die Elbe auf dem Weg nach Göttingen wird kaum frequentiert. Auch vermischen sich Eiben mit Lärchen ohne Grund. Sprudelnde Quellen tun so, als seien sie ungemein trocken und durstig. Licht, das zu Viel an Licht. Es tötet auf schneeigen Gipfeln. Indessen plagt mich das Haar und die Boote an meinen Füßen. Lieber Gott: Ich möchte Ihnen ein wenig ins Handwerk pfuschen. Was der Schmerz ist, vergisst sich so leicht, bis er einen umbringt. Dann ist im Prinzip egal, in welchem Hotel man wohnt. Kalte Kirsche im Mund. Und ein Scherenschnitt auf dem Teller, vor dem man sitzt und starrt. Als könne man ein Orakel draus lesen. Horoskop mit Kirschgeschmack. So als habe man die ganze Nacht nur auf diesen Moment hin gewacht, in eine Ecke geklemmt, aus der man mit jedem Schwanken des Zuges ein wenig nach vorn kippt. Vier Farben. Vier Gesichter. Und ein liegengebliebener Koffer. Ich fange an, mich zu verabschieden. Ariel! Ariel! Und zwardurch die Luft. Wer weiß, ob es nicht noch ein paar Überraschungen gibt.

 

Tröstungen (1)

… nämlich die Rotationen präsprachlicher Phrasen… Zauberformel vielleicht, oder die Ausschwitzungen des Leids. Dabei die grell orangenen Segel auf glitzernden Wassern, die sich in die Länge ziehen nach nirgendwo. Fern und  verloren im Ohr die Stimme vom anderen Ende der Welt oder sonst einem Jenseits, dass man schon gar nicht mehr weiß, was sie sagt. Und dann ist es still… bis ein weiterer Satz aufsteigt. Zum Beispiel die gelbe Fassade bei Hildesheim, die brennenden Forsythien und das unbarmherzige Licht auf dem Gesicht des Selbstmörders, der auf der Brücke steht und hinab starrt. So lasst ihn doch in Ruh mit eurem Glück, Himmelsglück, Zwiebelchen im Glas. Ariel! Ariel! Es hockt das fermentierte Jahrgangsleid im Wartesaal zum Tod. Der Tisch ist gedeckt. Die Bäume blühen vorsprachlich, stattlich, bunt. Allerhand kleine Elfen umarmen ihren Teddy auf des Teufels Schultern. Und dann wird es dunkel. Und bleibt dunkel. Und wird nicht mehr hell. Nur ein Pferdefuß. Mein Gott! Schon wieder Frühling!! Obgleich der Planet längst als verlassen galt. Überleben als Strafe. Noch hier sein als Schuld. Etwas Zerbrochenes eiert. Irgendwo tobt ein Sturm. Flughäfen nehmen ihren Betrieb wieder auf. Betäubungen. Dem Schmerz gegenübersitzen wie einem geschwollenen Glied, wie eine Katze, die absichtsvoll auf einer Wiese sitzt. Geduldig. Kaltblütig. Hin und wieder die Position wechselnd. Und dann passiert es .... (Fortsetzung folgt) 

Die Sache mit dem Neubeginn

Es ist zwar noch nicht Frühling, aber trotzdem hat heute wieder was Neues angefangen. Jeden Tag fängt was Neues an. Von Neuem wird aufgestanden, geduscht, gefrühstückt, gekackt, die Haut schuppt sich, im Wasser schwimmen kleine Fische, die Milch, die gestern noch weiß war, ist heute grün, um den Honig scharen sich kleine Käfer und der arme Briefträger muss schon wieder die Post austragen. Das hat er doch gestern schon gemacht. Und ich muss schon wieder Atem holen. Das hab ich doch eben schon gemacht. Den ganzen Tag muss ich das tun. Aber eigentlich ist es nicht schlimm. Manchmal ist es sogar lustig. Zum Beispiel, dass ich die Luft anhalte, wenn ich über eine Ampel geh. Dabei zieh ich die Schultern hoch. Das hat auch die kleine graue Maus getan, die neulich über den Bahnsteig rannte - mit großen Sprüngen - dabei hielt sie einen Zigarettenstummel zwischen den Vorderpfötchen. Aber ein Neuanfang ist das auch nicht. Die Leute behaupten, es habe grad ein neues Jahr angefangen. Es sieht vielleicht so aus, ist aber dann doch nichts Neues. Zum Beispiel der Kinofilm mit dem Bären gestern, oder die Peanuts. Da läuft Charlie Brown immer noch mit seiner Schmusedecke rum und denkt, es sei der King, bloß weil sie jetzt ein Dalmatiner-Muster hat. Design muss man wohl sagen.

Jetzt weiß ich auch nix mehr. Aber ich muss so tun, als ob ich was zum Neuen Jahr zu sagen hätte, zu Neuanfängen allgemein. Hab ich aber nicht. Und damit es keiner merkt, red ich halt weiter. Sonst gibt´s schlechte Noten. In der Schule hab ich so oder so schlechte Noten gekriegt. Die Lehrerin konnte mich nicht leiden. Da konnte ich machen was ich wollte. Dabei hatte die nur Bauchgrimmen. Und meine Geschichten waren ihr unheimlich. Und RUMMS - hatt ich die Vier im Aufsatz. Aber das macht nix. Ich kletter sowieso lieber auf Bäume. Die werden jedes Jahr von Neuem grün und nie wird es langweilig. So viel zum Neuanfang.

Eigentlich sind Neuanfänge ja doch immer nur wieder ein Aufwasch vom Alten. Aber da kann man nichts machen. Die Leute wollen´s halt so. Neu muss es sein und frisch und sensationell anders.

Also ich muss jetzt gehen, die Käfer vom Honig scheuchen. Ich will mir nämlich ´ne heiße Milch mit Honig genehmigen. Huch! Da hat sich ja auch ein schöner großer Marienkäfer drauf niedergelassen. Mit ... eins - zwei - drei - vier - fünf - sechs - sieben Punkten drauf. Na wenn das kein gutes Zeichen für einen Neuanfang ist - dann heiß ich Charlie Brown.