U-Bahn fahren

Endlich Ferien. Es gibt eine Belohnung. Nein, ich bin kein Kind mehr. Aber ich funktioniere noch genau so wie früher, als ich mich über eine Belohnung freute nach bestandenem Abitur. Jetzt ist es eine bestandene Arbeitsphase, die mit dem Urlaub endet. Ich fahre mit der U8 nach Hause. Auf meinem Schoß habe ich eine Schachtel mit einem Puzzle. Eingehend studiere ich jedes Teil des Landschaftsmotivs (Weinreben am Rhein), während der Rest der Menschheit in Totalnarkose auf Smartphones rumwischt. Niemand lächelt. Auch nicht die junge Frau mit dem dreijährigen Jungen, die grade einsteigt. Kein Wunder, es regnet auch. Die junge Mutter trägt zwei Regenschirme. Einen großen und einen kleinen. Sie setzt sich und sagt zu ihrem Sohn: Setz dich. Mehrmals tut sie das. Das Kind setzt sich aber nicht. Das Kind ist unvernünftig und drängt sich zwischen ihre Knie, auf denen eine große Tasche den Zugang zu Mama blockiert. Das Kind quengelt und reißt ihr den Kinderschirm aus der Hand. Damit läuft es durch den Wagen, wirft ihn zu Boden schaut erwartungsvoll nach Mutter. Diese wischt ihr Smartphone, kriegt aber genau mit, was er macht. Der Junge wirft den Schirm mit einem Knall zu Boden und schaut wieder nach ihr. Mama sagt: Lass das, komm her, setzt dich, gibt mir den Schirm. Dann guckt sie wieder auf ihr Smartphone. Das Kind schleudert den Schirm mit einem Knall zu Boden. Die Leute in der vollen U-Bahn drehen sich um, schauen dann aber wieder auf ihr Smartphone. Einigen steht die Missbilligung im Gesicht. Sie erinnern mich ein wenig an eine grasende Kuhherde, worin ein Waschbär herumtollt.

 

Ich zähle sieben Pappeln. Drei Kirchen, zwei Stadttürme und zwei Schiffe auf dem Rhein. Ich unterscheide die Farbabstufungen. Zwei Rebstöcke im Vordergrund, einer gelb, der andere rot. Im Hintergrund der Rhein in Blau-Abstufungen, das Städtchen verschwimmt an den Rändern in blauschwarzen Schatten. Das wird schwierig. Dunkle Farben sind immer schwierig. Ich habe Erfahrung mit Puzzles.

 

Doch meine Aufmerksamkeit ist mehr und mehr bei dem dreijährigen Jungen, dessen verbittertes etwas fettes Gesicht verzweifelt aus dem viel zu großen Anorak schaut. Fasziniert beobachte ich seinen Kampf um die Aufmerksamkeit seiner Mutter, etwa so hartnäckig, wie meine Katze auf ihrem Futter beharrt. Jetzt geht er auf seine Mutter los, zerrt sie am Anorak, kneift sie in den Arm, zerrt einen stehenden Fahrgast an der Jacke, lässt sich zu Boden fallen, stößt Klageschreie aus, steht wieder auf, torkelt, haltlos, obwohl der Zug grade steht.

 

Ich erkenne, was das Kind braucht. Doch mit jedem neuen Blick auf die Smartphone-beschäftigte Mutter erkennt es, dass dort nichts zu holen ist. Gar nichts. Wirklich nichts. Ein Dreijähriger!  Geduldig wehrt die junge Frau ihn ab wie eine Schmeißfliege, die immer wieder in ihr Gesicht will. Die Fahrgäste gucken, denn es wird laut und wer will schon beim Solitär gestört werden?

 

Ich lass mich auch nicht stören und schau auf mein Puzzle. Man soll sich ja nicht einmischen. Nein, das darf man nicht. Das wäre übergriffig. Oder? Jetzt schau ich, wie oft welche Farbe vorkommt und wo. Sonntagnachmittag geht es los. Ich werde den Karton auf dem Tisch an meinem Fenster ausschütten und zuerst die Randteile rausfischen. Und nebenher rot, blau und gelb auf Häufchen sortieren, mit Blick auf den Herbstbaum im Hof. Das Kind schlägt mit dem Schirm auf die Mutter ein.  Die Fahrgäste räuspern sich, verlieren die Konzentration mit ihren Bildschirmen, fühlen sich sichtlich unwohl. Die Mutter auch. Sie hält sich deutlich zurück mit pädagogischen Maßnahmen.

 

Mit einem Blick auf ihr aktuelles Umfeld entreißt sie dem Kind den Schirm und hängt ihn oben an die Haltestange der U-Bahn. Das Kind streckt schreiend die Arme in die unerreichbare Höhe. Jetzt reißt es noch wütender an der der Mutter. Ich habe Assoziationen von Folter durch systematische Demütigungen. Man kennt das ja aus Dokumentationen.

 

Nein, ich misch mich da nicht ein. Doch plötzlich hocke ich neben das Kind, das irritiert zurückweicht. Die Mutter schaut auf und guckt mich warnend an. Das Kind schaut irritiert zwischen mir und der Mutter hin und her. Ich schaue zwischen dem Jungen und der Mutter hin und her und ahne: Worte wären jetzt falsch. Ich sehe dem Kind in die Augen. Keine Ahnung, was jetzt passiert. Ich nehme die Hand der Mutter. Sie lässt es widerstrebend zu. Dann schaue ich zwischen den beiden hin und her. Mutter und Sohn schauen sich in die Augen, wütend, frustriert alle beide. Oben baumelt der Kinderschirm. Ich nehme die Hand des Kindes und bin für ein paar Sekunden ein offenes, verstehendes Bindeglied zwischen den beiden. Das Kind ist still. Der Zug hält an. Ich setze mich wieder zu meinem Puzzle und sehe aus den Augenwinkeln, wie die Mutter vorsichtig mit den Fingern das Gesicht ihres Kindes streichelt.

 

Das Motiv auf meinem Puzzle Bacharach am Rhein, von den Weinbergen aus gesehen. Ich freu mich auf Ferien.

(c) Text und Foto: Brigitte Hallbauer

 

Samstagabend…

 

Ist traditionell der Freude gewidmet… und dem Alkohol. Früher war noch Sex dabei, doch der ist der heiligen Dreifaltigkeit der Freude abhandengekommen, seit es möglich ist, ohne Beziehungsstress mit den Fingern auf einer Touchscreen rumzuwisch…sch…schen.

 

Daphne Elfenbein hat auch Tradition. Samstags verbarrikadiert sie sich bereits ab 18 Uhr in den heiligen Hallen ihrer Wohnung. Hier ist es sicher, nüchtern und spaßfrei, wenn man obige Definition von Spaß anwendet. Für das enthemmte Gebrüll auf den stillen Straßen im Morgengrauen hat sie sich ein frisches Pärchen Ohropax auf dem Nachttisch bereitgelegt. Es kann losgehen.

 

Die Party beginnt mit einem Kartoffelsalat nach einem Geheimrezept, das sich je nach Kühlschrankinhalt verändert. Flexibilität ist der Geist unserer Zeit. Draußen ziehen die Teenies in schnatternden Gruppen durch U-Bahnhöfe, jeder die unverzichtbare Molle in der Hand. Das ist so schick wie die Sonnenbrille von Ray Ban. Die Mütter ziehen schon mal ihren Nachwuchs vom Spielplatz ab und verschwinden in ihre jeweilige Ehe-Diktatur, wahlweise in das alleinerziehende Elend. 

 

Bei Daphne Elfenbein gibt es… Gaslicht, der Klassiker als Beilage zum Kartoffelsalat. Sehr erbaulich, die mollige Ingrid Bergmann 1960 und der finstere Dieter Borsche, der Schauspieler wurde, damit er und niemand umbringen oder in den Wahnsinn treiben musste. Zwei Jahre nach diesem theaterstück-artigen Film erblickte Frau Elfenbein das Licht dieser Welt, einer Welt, die noch ein unbeschriebenes Blatt war, voll in Ordnung.

 

Es wird dunkel. Gaslicht ist vorbei. Der Mörder gefasst. Hinter den geschlossenen Fenstern ist die Klimax der wachsenden Enthemmung des nachbarschaftlichen Gelächters zu beobachten. Mal sehen wer zuerst brüllt. Vielleicht schmeißt auch mal wieder jemand mit Geschirr oder Flaschen.  Stell dir vor, es ist Samstagabend und keiner geht aus... Das allein ist schon ein guter Grund, in Berlin Mitte zu wohnen.

 

Irre, was in Berlin alles los ist, wenn man so ins Programm schaut: Ultimate Frisbee in Tempelhof, Punchline Comedy im Mad Monkey, Filmrausch Freiluftkino, die Lange Nacht der Religionen (buntes Programm), Sommerfest im Brecht-Haus mit Prosecco, Focaccia und ein paar Linksintellektuellen. Staatsoper für alle mit Tristan und Isolde. Dem Sommernachtsrausch in Berlin sind keine Grenzen gesetzt.

 

Nun ja, jedenfalls geht Frau Elfenbein jetzt ins Bett . Die beste Droge ist immer noch Nüchternheit, totales Präsentsein. Morgen in aller Frühe geht sie in den Park Sachen suchen. Manchmal findet man Geldscheine, oder ein stehengelassenes Pony, oder ein paar ausgetretene Schuhe. Und jede Menge Scherben. So viel zur Freude.

Die Touchscreens sind unversehrt geblieben.

 

(c) Brigitte Hallbauer Text und Bild

 

das Versprechen

 

Es zerreißt mich

 

Dich so zerrissen zu sehen

 

Tausendfach zerstückelt

 

Von mehr als einem Schlag

 

 

 

Dein Gesicht ging verloren

 

Du siehst mich nicht mehr an

 

Aus deinen Augen, so schön

 

Hab ich sie in Erinnerung

 

 

 

Überall suchte ich dich

 

Und fand nur Masken

 

Wollte vergessen und dachte

 

dann tut es nicht mehr weh

 

doch weh tat es immer

 

 

 

bis ich beschloss

 

dich wieder zusammenzusetzen

 

ich nehme Geduld und die

 

geblähten Segel der Sehnsucht

 

und werde nicht aufhören

 

bis auch das letzte Teilchen passt

 

so sei es

 

(c) Text und Foto: Brigitte Hallbauer

 

Angst

 

Die Angst ist ein Kind der Lieblosigkeit

 

Viele Male haben achtlose Hände

 

Mit den rauen Lappen der Ungeduld

 

Dem Kind mit dem Schmutz

 

Auch die Würde vom Leib gewaschen

 

 

 

Nachts krochen ihm Spinnen ins Herz

 

Die Hitze der Scham ins Gesicht

 

Die Kälte der Angst in die Glieder

 

Und die Nerven schlugen Alarm

 

 

 

 

Der Seelenrest, der übrig blieb

 

Unverbunden und leer

 

Streckt nun für immer vergeblich

 

die Ärmchen aus nach der Liebe

 

Die nun zum Kampf wird

 

Gegen die Gebirge der Angst

 

 

 

Würde

 

Mit dem Wasser ging sie davon

 

Mit dem Wasser kehrt sie zurück.

 

So ist es, das Wasser,

 

immer ein bisschen stärker

 

als die Gesteine der Angst

 

in seiner sanften Beharrlichkeit

 

das Badezimmer der Heilung

 

liegt hinter den Augen

 

 

 

© Text: Brigitte Hallbauer Foto: de.dreamstime.com

 

Erscheinung

Im Wedding sah ich heute eine rosa Plüschprinzessin fliegen. Sie hatte Wurzeln im Himmel und Flügel, so groß wie Mühlräder. Eine Schar von Spatzen folgte ihr nach. Doch das machte auf die Behörden keinen Eindruck. Kalt entrissen sie dem reichen Herrn Papa sein Reich. Entthront war nun auch die Prinzessin, die Schöne. Oh Schreck! Der Plüsch flog weg! Vom Sturm flog auch die Rosa Mütze...

Daphne Elfenbeins Halali…

 

 

Hach! Es ist alles ganz furchtbar! Merkt das denn keiner? Das Jahr ist rum. Wääähhäääh!!!! Und wieder ist der erwartete Lottogewinn nicht ins Haus geschneit. Oh nein, vielmehr haben die Gläubiger Schlange gestanden vor der dicht verrammelten Tür des Frauenzimmers, hinter der Daphne Elfenbein einen Stapel geklaute Handtücher aus dem Sheraton in Frankfurt vollheult. Das ganze Makeup zerfließt wie Butter an der Sonne. Zwei Stunden hat es gedauert, bis es perfekt war und nun ist es futsch. Dabei wollte Frau Elfenbein heute groß ausgehen, Silvester feiern mit Til Schweiger und Daniel Brühl, ein paar Agenten für unentdeckte Talente und einer erfahrenen Assistentin für Frau Elfenbeins spontanen Appetit auf Sushi aus dem KaDeWe. Zu allem Überfluss ist ihr noch der frisch gebrühte Drachenbrunnen vom Löwenberg Tee (Shi Fong Loong Tseng) über das Dior-Kleid gekippt, als sie ihr Gucci-Täschchen hervorkramte. Nun ist alles aus! Schluss! Frau Elfenbein bleibt zu Hause. Da werden sich alle freuen, denen sie schweren Herzens die Einladung ausschlagen musste an diesem Abend.

 

Ha! Da klingelt es an der Tür! Oh mein Gott! Frau Elfenbein fasst sich ans Hirn, denn unter der riesigen Duftwolke von Blumen ragen ein Paar Beine hervor. Es ist der Fleurop – Bote im Auftrag des attraktiven Star-Geigers Hewitt Clarke, dem sie leider eine Einladung zum Dinner im Ritz ausschlagen musste. Zu dumm, der gute hätte sich sonst Hoffnungen gemacht.

 

Auch zur exclusiven Silvesterparty am Brandenburger Tor (geschlossene Gesellschaft), konnte sie leider nicht kommen. Frau Elfenbein hat nämlich einen Prozess gegen David Hasselhoff laufen, weil sein Schoßhündchen einen Haufen vor ihre Villa gesetzt hat. Und er hat ihn nicht mal weggeräumt, unerhört!

 

Nun wirft Daphne Elfenbein ein Sheraton Handtuch nach dem anderen für den Zimmerservice zu Boden und der Tränen nicht genug, hört dazu Die Bach-Kantate: „ICH HABE GENUG“ – später singt der leider bereits verstorbene Bariton noch „Ich freuihoihoihoieee mich auf den Tod“… , während draußen die Nachbarn noch atmen, hoffen und böllern, dass die Schwefelwolken schwer herniedersinken. Ja so ist es zum Jahreswechsel! Aber Kopf hoch. Im Neuen Jahr wird alles besser. Mit den immer ausgefeilteren Waffen einer Frau wird Daphne Elfenbein auch 2019 wieder den Kampf gegen unverschämte Forderungen weltfremder Miesepeter und Wadenbeißer aufnehmen. HALALI  !!!

 

Die Blume zum Frauentag

Kleine rosa Ranunkel

 

Schau, es wird dunkel

 

Und heute ist Frauentag

 

Elfen und Feen haben dir

 

Das Mädchenkleid übergestreift

 

Deine Unschuld vergeht nie

 

 

 

Wie teuer es war dich zu ziehen

 

Kleine Ranunkel, weiß keiner

 

Wir zahlten mit unserer Würde

 

Unser Verzicht war der Dünger

 

Mit Tränen begossen wir dich

 

Zum Tod unserer Träume

 

 

 

Deine Wurzeln sind bitter

 

Kleine rosa Ranunkel

 

Unscheinbar vor der Welt

 

Doch schön wie die Göttin der Liebe

 

Wer ohne Scheuklappen schaut

 

Erkennt dich wohl

 

 

 

Sie haben uns Rosen geschenkt

 

Wir sind bei Laune geblieben

 

Und haben uns still nach dir gesehnt

 

Kleine rosa Ranunkel

 

Jetzt ist es dunkel

 

Und heute ist Frauentag

 

Eine bissige Satire um den Marktwert der Schwangerschaft

24 Türchen - ein Rückblick

 

1.       Das erste Türchen. Es fängt ja vielversprechend an. Eine kleine Maus klettert aus dem Geschenkkarton, den ich eben aufgeklappt habe, und reckt schnüffelnd das Näschen in die Luft. Wird es auch eine Katzenweihnacht geben?

 

2.       Und schon gibt es was zu fressen für das Mäuschen. Lebkuchen, Lakritzschnecken, ein roter Apfel. Hmmmm. Da wird es dick und fett. Freudig erwarten wir die Ankunft der Katze.

 

3.       Abends nochmal mit der Martinslaterne raus in den Garten. Die Nacht ist voller Sterne und Fledermäuse. Selbst die scheinen Geschenke zu bringen auf lautlosen Flügeln. Oder sind‘ s Botschaften? Horch…

 

4.       Tür zu, Ofen an, Christbaumschmuck vom Dachboden geholt und mit einem weichen Tuch den Staub des Jahres wegpoliert. Ei wie sie glänzen…

 

5.       Mutti backt Lebkuchen. Das ganze Haus duftet nach Zimt, Nelken und Honig. Aber sie sagt, die Lebkuchen sind für den Sportverein, nicht für uns. Blöd …

 

6.       Na ja, Nikolaus hat ein Erbarmen. Gut dass ich mit dem Hund raus bin in aller Herrgottsfrühe. Im Dunkeln bin ich über den Stiefel gestolpert, der voll von … ein paar handgestrickten Socken war… äh…

 

7.       Heute basteln wir in der Schule Strohsterne und so Garbenbündel mit roten Kugeln dran. Super Katzenspielzeug! Das ist, weil man die Tannbäume nicht fällen soll.

 

8.       Uiii, heute bringt der Kolkrabe Krah ein Geschenk. Vom Himmel hoch lässt er sich nieder auf unserem Baum, ein grünes Päckchen um Schnabel. Aber erst Weihnachten aufmachen. Bäh.

 

9.       Heut gehen wir in den Park Tannenzweige schneiden. Der Sturm hat so viele umgehauen. Wer kauft da noch im Laden für teures Geld. Mama hängt schon wieder rote Kugeln dran. Wenn‘ s sein muss, sagt Papa.

 

10.   Heute hat es an der Tür geklingelt. Ein fremder Mann gibt Mama eine Herzschachtel mit ´nem Tannenzweig und ´ner goldenen Schleife drauf. Mama wird rot. Papa guckt böse und zetert. Riesenkrach heute. Ich bleib im Zimmer.

 

11.   Es kommt und kommt kein Schnee. Weil es so warm ist, gab es im Garten noch Rosen. Mama hat sie heute mit Tannenzweigen in die blaue Vase von Oma gestellt. Überall steht jetzt Deko rum. Wo tu ich nur meine Malsachen hin?

 

12.   Heut ess ich den Lebkuchenstern aus meinem Nikolausstiefel. Er hat 6 Zacken. Er ist nicht von Mama. Ich esse ihn in meinem Zimmer, damit niemand es sieht... Mmmmh, lecker.

 

13.   Heut hab ich in der Schule mein Abzeichen vom Turnverein gekriegt. Es hing um den Hals eines Chrättimanns. Stolz hab ich es heimgetragen. Dort hat es niemand interessiert. Blöd.

 

14.   Heute Morgen lag dicker Schnee. Der Schulbus kam zu spät. Papa hat im Garten ein Vogelhäuschen aufgebaut und Futter reingelegt. Für die Rotkehlchen, hat er gesagt.

 

15.   Als es dunkel wird, sitze ich an der Fensterbank. Da kommt ein Vogel geflogen und stakt im weichen Schnee mit so dünnen Beinchen. Ist das ein Rotkehlchen? Nein, eine Kohlmeise, sagt Papa, die hungern auch. Wir streuen Futter auf die Fensterbank.

 

16.   Heute ist der zweite Advent. Im Kindergarten haben sie gesagt, dass die Engel den Wind machen. Einer sitzt auf einer Wolke und bläst mit dicken Backen. Ich glaub das nicht.

 

17.   Ich bastle eine Puppe für meine Oma. Die sammelt die nämlich in einem Glasschrank. Sie wird nicht so schön wie die von Oma. Wenigstens ist sie selbst gemacht.

 

18.   Papa kommt heim mit einer Tanne. Der Baum ist in in einem Netz. Er stellt ihn im Wohnzimmer in einen Ständer. Mama steckt rote Kerzen auf. Oh wie schön.

 

19.   Es donnert und blitzt draußen. Und dann kommt ein schlimmer Regen. Vielleicht, dass jetzt ein Engel im Himmel die Trompete bläst mit aufgeblasenen Backen. Oder?

 

20.   Mama hat einen Kranz aus Misteln geflochten und an die Tür gehängt. Muss das sein? Hat Papa gefragt. Das ist gegen die bösen Geister, hat Mama gesagt. Ups.

 

21.   Von wegen Katzenweihnacht. Alle brüllen nur rum. Der helle Stern mit dem rotbackigen Gesicht an meinem Fenster grinst blöde. Da können die noch so viel Deko aufhängen…

 

22.   Drei Kerzen brennen jetzt und keiner guckt hin. Der Schnee ist wieder weg. Ich guck die Eisprinzessin und reiß das Etikett von der Kerze, bevor ich sie anzünde. Ich will keine Markenqualität von DM.

 

23.   Die Glocken läuten um die Wette. Morgen ist Heiligabend. Mutti putzt wie eine Wilde. Papa fährt mit dem Auto rum und kauft ein. Ich mach die Puppe für Oma fertig. Die Katze schläft auf dem Sofa. Ich glaub nicht, dass jetzt die Engel im Himmel Trompete blasen.

 

24.   Es wird dunkel. Wir müssen in die Kirche. Dort haben sie eine Krippe aufgestellt. Maria, Josef, der Stern von Bethlehem. In der Krippe schläft eine Katze. Daneben ein toter Vogel. Siehste!!!

 

(c) Text: Brigitte Hallbauer - Adventskalender gestiftet von Christina Ritter

(T

 

WÄÄÄÄH ... oder so

Die Räder arbeiten sich vor auf dem Trottoir. Ihr Rotieren und Knirschen auf dem Asphalt ist so ziemlich das einzige Geräusch auf den leeren Straßen. Es ist Sonntagmorgen. Im Puppenwagen liegt Gerlinde, schön zugedeckt, die große Puppe mit der Batterie im Rücken, damit sie wohlige Töne machen kann, wenn man sie auf den Arm nimmt. Gerlinde ist im Krankenhaus zu ihr gekommen. Es war der Blinddarm. Mutter hat sie ihr mitgebracht, als sie aus der Narkose erwacht war und in die Nierenschale kotzte, die aussah wie ein Eierkarton. Jetzt rauscht ein Auto bedächtig vorbei. Dann ist es wieder still. Sie schiebt den Puppenwagen bergauf, vorbei an den schmalen Seitengassen, den Mietshäusern mit den geschlossenen Gardinen, und den Geschäften mit den dunklen Schaufenstern. Sie kennt den Weg. Doch es ist anstrengend.
Die Eltern haben noch geschlafen, als sie die Wohnung verließ und mit dem Puppenwagen umständlich die Treppen hinab geholpert war. Es ist kalt. Sie fröstelt. Sie ist vier.
Jetzt steht sie vor dem Haus mit der Holzveranda. Die Haustür unten steht offen. Das tut sie sonst nie. Sie klingelt bei Oma und Opa. Sie will die beiden besuchen, ganz allein. Da ist sie stolz drauf. Doch keiner macht auf. Sie hebelt den Puppenwagen samt Gerlinde zwei Stufen hinauf in den Flur mit den weiß-braunen Steinfliesen und rollt ihn bis zum Treppenabsatz. Dort lässt sie ihren Puppenwagen stehen und klettert die Treppen hinauf. Es sind nicht viele. Sie wohnen im ersten Stock. Weihnachten waren sie dort. Jetzt ist April. Da geht oben die Tür auf. Aber es ist nicht Opa. Ein fremder Mann steht vor ihr. Sie erreicht den Treppenabsatz und wischt ihre Händchen an der Schürze ab, mit denen sie sich auf den Stufen abgestützt hat. Der Mann ist groß und guckt böse: „Was machst du denn hier?“ Sie antwortet nicht, späht hinter dem schwarz gekleideten Mann in die Wohnung. Dort steht ein schwarzer großer Holzkasten. Dahinter liegt Oma auf dem Sofa. Sie schluckt. Oma bewegt sich nicht. Sonst sitzt sie meistens im Sessel am Fenster.
Da kommt Opa. Er sieht müde aus und durcheinander. Er sagt zu dem Mann: „Schon gut.“ und dann zum Kind: „geh nach Hause Sabine, geh heim, das ist jetzt hier nichts für dich.“ Sabine bleibt wie angewurzelt stehen. Sie schluckt und guckt hinauf in das verschlossene angestrengte Gesicht. Erst als der fremde Mann schreit, „Mach‘ dass du davon kommst“ macht sie erschrocken kehrt, trappelt die Treppen hinunter und schiebt den Puppenwagen wieder auf die Straße hinaus, und während sie rennt, verliert der Wagen ein Rad. Leise rollt es davon, hüpft vom Bordstein auf die Straße, fort… fort… Sie bleibt stehen und hat keine Kraft mehr. Unsichtbare Tränen rollen über das stumme Gesicht. das lose Rad rollt bergab, der Wagen kippt. Gerlinde rutscht und schaut mit dem Kopf über den Rand. Die Neigung ist groß genug, dass sie einen Ton erzeugt: WÄÄÄÄH– oder so.

 

Zur Welt kommen

 

Abgespalten, nicht losgelöst

 

Weder verabschiedet noch angekommen

 

Ein verkrampftes Bündel

 

Vom ersten Atemzug an autonom

 

Niemand verpflichtet

 

Außer dem Gott des Widerstands

 

ein beschwerlicher Stein

 

Weil sie dich Stein nannten

 

Und du bist es geworden

 

 

 

Wer bist du, wenn du nicht Stein bist?

 

Mit den Wurzeln im Himmel,

 

erbarmungslos wie der Strauß in der Wüste

 

Doch du antwortest nicht

 

Ich höre dich nach Wasser schreien,

 

das Nein aus den Zellen zu schwemmen

 

An dem unsere Welt zerbricht

 

 

 

Ich sitz‘ am Wasser und

 

beobachte den ständigen Wandel

 

deiner vielen Gesichter

 

im schillernden Spiegel

 

Alles was weich macht, hauch ich dir ein

 

auch die Stille

 

die keine Antworten gibt

 

und nun, da es still genug ist

 

frage ich dich:

 

 

 

Sag, irren sich denn deine Sinne,

 

wenn der Wind dich streichelt

 

und die Sonne ihr Wolkenzelt spannt

 

so hoch und weit,

 

dass jeder Ton wie eine gläserne Säule

 

bis in den Himmel steht

 

was hast du noch Angst?

 

Was ringst du nach Luft?

 

Ach, schon neigt sich der Sommer

 

Und deine Blüte öffnet sich nicht

 

 

 

 

 

Wie Daphne Elfenbein ihren Job losgeworden ist...

 

  Wir wissen ja nicht, wann sie begann und wie lange sie noch dauert. Die Krise. Aber bevor wir wieder in Saus und Braus auf den Straßen feiern dürfen, müssen wir uns noch ein bisschen ducken. Warum? Na weil eben Krise ist. Vorgestern war es Wirtschaftskrise, gestern war es Ölkrise. Heute ist es die Finanzkrise. In Amerika bleckt ein schwarzer Messias die weißen Zähne angesichts bankrotter Banken. Kinder laufen Amok. Wir sparen Strom und schieben Müllberge auf dem Planeten hin und her. Bahnreisen und Wohnungen werden auch immer teurer. Auf den grünen Mittelstreifen großer Verkehrsachsen wird das Stadtbild durch immer mehr dauercampende Mitbürger bereichert. Der letzte noch greifbare KZ-Aufseher wird seiner Strafe entgegengeführt und die Amerikaner essen die 11 Kreditkarten auf, die sie im Durchschnitt besitzen.

 

Work sucks but I need the bucks. Das blöken Millionen von Schafen ins selbe Horn. Früher oder später ereilt es alle braven in die Fußtapfen von Mama und Papa tretenden sich hoch dienenden Streber und ewigen Studenten. Irgendwann zwischen 35 und 45 hat sich der Traum vom Traum ausgeträumt. Traumberuf – Traumfrau – Traumurlaub – Traumhaus. Traum-Traum –Traum. Stirnfalten vertiefen sich angesichts von Versicherungen, Hypotheken und Bausparverträgen. Kinder sind eine ebenso lästige Verpflichtung wie Autos, Wohnwagen und Boote. DOCH WIR SIND SICHER! Froh, einen Job zu haben sind wir, auch wenn wir bloß täglich Scheiße von A nach B fahren und abends stinken. Die Rechnungen sind bezahlt und drei Urlaube im Jahr – na bitte.

 

Geld oder Leben. Das ist hier die Frage. Und wenn auch der Trip nach Thailand nicht die ersehnte Exotik ins Leben bringt, dann müssen Pillen, Schnaps und Durchhalteparolen die Herde bei Laune halten. Gebannt blöken sie auf die magische Zahl 65 auf dem Börsenticker des Lebens. oder war es 67? Dann… ja dann…

 

Frau Elfenbein runzelt die Stirn …… furzt in ihren Bürostuhl und würde jetzt lieber durch die Cafés im Wedding streifen. Aber weil Freitag ist, ist sie zur Arbeit gegangen und sitzt vor den Bildschirm, auf dem immer irgendwie der falsche Film läuft. Wie wäre es mit einer Zusatzversicherung für Zahnersatz? Trägt ihr ein freundliches Spam-Email an, und Frau Elfenbein denkt ernsthaft über diese Frage nach, während sie im Geiste die Einkünfte aus ihren 10 Bestsellern einstreicht, die sie verfasst haben will, noch bevor ihr sämtliche Zähne ausgegangen sind. Die Bürotür geht auf. Die Bürotür geht zu. Frau Elfenbein bleckt ihre ersten Implantate für ein paar Nadelstreifen und träumt weiter.

 

 Gähnend öffnet und schließt sie das Bürofenster und studiert bei Amazon die neuesten Publikationen zum Thema Finanzkrise. Sicher durch den Crash, Finanzcrash, die umfassende Krisenvorsorge. Ende der Party: Die Explosion im Finanzsektor und die Krise der Weltwirtschaft. Fleißige Manager, Börsianer und Immobilienspekulanten stehen bankrott auf dem Dach ihrer Wolkenkratzer und glotzen in die Tiefe. Ihre letzen Worte: "Mein Geld! Mein Geld! Warum hast du mich verlassen!" ertönen leise, bevor sie auf sauberem Beton zerschmettern. Die Kleinen Geister rennen bei stockenden Hartz IV – Zahlungen auch schon mal mit Hakenkreuzfahne durch die Straßen und rufen BEGIDA oder Heil Hitler. Ach wären sie doch damals dabei gewesen als der große Diktator ein Duckmäuservolk aus Armut und Arbeitslosigkeit heraus in die Mördergrube quasselte, sie würden freudig ihr Hirn bei der zuständigen Behörde hinterlegten und auf Kommando auf den Straßen jubeln. Doch heute funktioniert Diktatur anders. Von Plakaten erhalten wir Traumbotschaften ins weiche Hirn und machen immer ärgere Kompromisse auf der Jagd nach Traumerfüllung. "Für Geld mach ich fast alles", blöken die Schafe. Lasst uns derweil noch einen alten Nazi in Südamerika verhaften und die Augen zum Himmel heben.

 

Frau Elfenbein ist leider ihren Job immer noch nicht los, obwohl sie in der Spezialabteilung für Personalabwehr arbeitet. Sie telefoniert, putzt sich die Fingernägel, träumt Luftschlösser und macht ein freundliches Gesicht zum Bundesangestelltentarif. So eine Zusatzversicherung für Zahnersatz wäre nicht schlecht, überlegt sie. Was wäre ihr Marktwert ohne ihr Lächeln?

 

Wenn dieses Büro nur etwas zu bieten hätte. Eine Wachstumschance, interessante Menschen, eine Aufgabe. Da klingelt das Telefon. Eine engagierte junge Hochschulabsolventin will sich als Trainee bewerben. Ob es denn da Vakanzen gebe? Na bitte. Frau Elfenbein pustet einen Fussel vom Tisch, "Ja, schicken Sie nur Ihre Bewerbung, aber machen Sie sich keine Hoffnungen. Sie wissen ja, die Finanzkrise."  Dann schickt eine elektronische Grußkarte nach Kalifornien und liest ihr Horoskop für den nächsten Monat, gefolgt von einem online Test, wie hoch ihre Lebenserwartung sei. Ach ja, und bei Ebay gibt’s Reisegutscheine. Hmmm. Ihr Schnäppchen-Gespür könnte glatt als berufliche Qualifikation durchgehen.

 

Immer schon träumte Frau Elfenbein davon einfach nur so da sein wie die biblischen Vögel, die nicht arbeiten vom himmlischen Vater genährt. Doch ein Scheiß-Job und the German Angst haben sie noch fest in den Krallen. Und ihr Gewissen mahnt finster: "Du wirst doch auf Hartz IV landen. Was sollen die Leute denken? Was würde Mutti sagen? Schließlich sind wir in der Krise. Das Leben ist hart …

 

Bla Bla blubb, sagt Frau Elfenbein und reißt die Bürofenster auf. Draußen ist Frühling, Und sie ist im Dienst. Also weiter träumen: Vom Sprung ins kalte Wasser, von neuen bahnbrechenden Bekanntschaften, spannenden Projekten. Ausgetretene Pfade verschwinden unter Wucherpflanzen, weil keiner sie nutzt,  Netzwerke entstehen, plötzlich fließt Geld und du weißt nicht, wie...

 

Doch dieses Unternehmen will Frau Elfenbein einfach nicht rausschmeißen. Sie guckt auf die Uhr. Noch zwei Stunden bis Feierabend, hinter dem Fenster zieht wertvolle Lebenszeit vorbei. Das Telefon klingelt. "Elfenbein?" Hier ist die Personalabteilung… Ah! Frau Elfenbein hält den Atem an: Jetzt kommt die Kündigung. Doch stattdessen sagt die freundliche Frauenstimme folgendes: "Die Abteilung für Kundenfang sucht dringend jemand, wär das nichts für Sie? Bei Ihrer Warenkenntnis. Es wäre wirklich nett, wenn Sie da einspringen könnten." Frau Elfenbein hat ein gutes Herz. Immer war sie nett und sprang ein. Dabei biss sie oft die Zähne zusammen. Wenn Sie wüssten, wie viele Zähne ihr schon ausgefallen sind während sie nett war. Die übrig gebliebenen sollen gefälligst der Freiheit dienen. Jetzt ist Schluss! Wenig später steht sie vor der Tür der Personalleitung. Es ist fünf vor Dienstschluss. Die Tür schwingt auf  und ihre langjährige Sachbearbeiterin  revidiert ihre Meinung von der geschätzten Kollegin, als diese brüllt: "Ich bin überhaupt nicht nett!!"

 

Als Frau Elfenbein den Auflösungsvertrag plus eine 5-stellige Abfindung in der Tasche hat, geht sie ins nächste Reisebüro und bucht eine Kreuzfahrt auf dem Nil. Vom Rest kauft sie sich ein Aktienpaket von einem Unternehmen mit sinkenden Kursen. Dann färbt sie sich die Haare Lila, lässt sich einen Nasenring setzen und lädt ihre Freunde zum Feiern ein. Drum ist es ja eben so lustig im Elfenbeinturm...

 

(c) https://www.amazon.de/Neues-aus-dem-Elfenbeinturm-www-hotelharakiri-ebook/dp/B00IPN1PX0/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1501743795&sr=8-1&keywords=Neues+aus+dem+Elfenbeinturm

 

 

 

 

 

Daphne Elfenbein über den Frühling und die Liebe...

 

Es wird in diesen Tagen, wo blühende Bäume verführerisch duften und die Vögel in ihren Nestern vögeln auch unter den Menschen allerhand von Liebe gesäuselt und gefiedelt. Zarte Stimmen und sanfte Worte geistern durch die virtuelle Welt. Draußen auf der Straße unterhalten sich Hundebesitzer vor dem Kiosk über die steigenden Wasserpreise, Mieten, die bösen Nachbarn und so weiter.

 

Daphne Elfenbein backt Kuchen und tut keine Rasierklingen rein. Nein. Nüsse und Rosinen mengt sie in den Teig wie es sich gehört, nach so einem veganen Rezept aus dem Internet. Dies tut sie Einklang mit einer begeisterten Veganerinnengemeinde weltweit, die wissen, wo es lang geht mit den Werten.

 

Fragte sie doch neulich ein interessierter Mitmensch, wie sie es denn mit der Liebe halte. So was fragt man eigentlich reife Damen nicht. Aber na gut. Nach einiger Bedenkzeit über dieses – ähem - Thema kam sie zu folgendem Ergebnis, das sie der lieben Hotelgemeinde nicht vorenthalten will:

 

Wenn frau eine gewisse altersunabhängige Reife und Weisheit erreicht hat, ist sie einfach nicht mehr blöd genug für das, was da gemeinhin als „Liebe“ verkauft wird da draußen. Zum Beispiel:  

 

Typ 1: der Despot: Ein Wolf im Schafspelz auf der Couch, der sich nur für Fußball und Matratzensport interessiert, seine Partnerin gerne verwöhnt, aber für so minderbemittelt hält, dass er sie daran hindert, aus dem Haus zu gehen, natürlich um sie zu schützen und bei Nicht-Verabreichung von erpresserischem Sex gewalttätige Szenen macht.

 

Typ 2: der Distanzierte: Einer, der sich nur selten blicken lässt, unheimlich viel zu tun hat und stets übers Telefon seine Liebe beteuert, sonst aber durch Abwesenheit glänzt, denn er hat leider diese Familie am Hals, von der er sich ja am liebsten trennen würde, doch das würde ihn in den finanziellen Ruin treiben, du vestehst doch Liebes…. (hier ist der Drehtür-Sex jedoch atemberaubend).

 

Typ 3: der Bürokrat: Dieser Schwanzbeamte kommt häufig über eine Internet-Plattform ins Liebesleben einer Frau, hakt bei den ersten drei Dates seine Checkliste ab, will nach dem dritten Date Sex und findet dann irgendwie doch ein Haar in der Suppe: Weißt du Liebes, wir sind beide Nichtraucher, denken sozial und lieben Tiere, aber irgendwie liebe ich dich nicht.

 

Typ 4: Der Windige: Dieser Kandidat ist rasch verliebt, seine Augen leuchten und die Begeisterung steigt beim gemeinsamen Gang durch die Uffizien. Der Höhepunkt ist der Kuss unter dem Eiffelturm. Doch wieder zu Haus sagt er dann: Schatz, ich möchte frei sein. Lass uns eine Freundschaft draus machen.

 

Typ 5: Der Anhängliche: Den wirst du nicht mehr los, der geht mit dir Büstenhalter einkaufen und nimmt dir selbst das Kuchen Backen ab. Tag und Nacht ist er an deiner Seite, lieb, auch zu deinen Teddys, und ihr klebt zusammen 24 Stunden am Tag bis du das Fenster aufreißt für ein bisschen frische Luft und mal ein Wochenende mit einer Freundin wegfährst. Das verträgt er nicht. Er meldet sich nie wieder.

 

Liebe Hotelgemeinde, bitte die fehlenden Typen selbst ergänzen.

 

So, der Gemüsekuchen ist fertig. Der wird gleich mit zum Damenkränzchen genommen.  Das mit dem Frühling vergeht wieder.

 

Mit freundlichen Grüßen aus dem Vorzimmer von Dr. Gott

 

Daphne Elfenbein

 

 

 

Wenn im März die Glocken Läuten

Früh um zehn ist noch nicht so viel los, hofft Frau Elfenbein und macht sich auf zum Sonntagsspaziergang. Die Sonne scheint. Die Vöglein jubilieren. Still ruht der See, auf dem die Schwäne im glitzernden Licht ihre Vorstellung geben. Daphne Elfenbein ist saisongemäß fröhlich und schreitet kraftvoll dahin. Doch da! Ein Müllberg, ein alter Kinderwagen, ein zerbrochener Fernseher, eine zerschlissene Matratze stören den optischen Sonntagsfrieden auf das Empfindlichste. Sie runzelt die Stirn und ändert ihren Kurs. „Das geht gar nicht“. Aber die Mülltüte, die sie gewöhnlich auf Spaziergängen mit sich führt und die auch jetzt schon halb gefüllt an ihrem behandschuhten Ärmel baumelt, ist zu klein für diesen erbarmungswürdigen Unrat. Stracks steuert sie auf das Ärgernis zu und bemerkt erst jetzt den dunkelhaarigen Mann um die 50, er da beim Müllberg herumlungert und auf verdächtige Weise mit beiden Händen im eigenen Hosenladen wühlt. Hmmm, Vorsicht, erst mal entschleunigen, hier lauert Gefahr.

Plötzlich springt der Kerl an ein geparktes Auto, lässt die Hosen endgültig runter, stützt seine Hände auf die Motorhaube, streckt seinen haarigen Hintern raus und wackelt mit seinem Gehänge, dass die Glocken läuten.
Frau Elfenbein zückt ihre Handykamera, tritt näher und ruft: Stehenbleiben! Das kommt in die Zeitung! Ha! Das Bild ist im Kasten, samt altem Kinderwagen, zerschlissener Matratze und zerbrochenem Bildschirm. Einen Rest von Scham zusammenraffend hat der Protagonist ehelicher Konflikte und heimlicher Triebe sein Corpus Delicti wieder in den Müllbeutel gepackt. Aus Diskretionsgründen wird das Foto hier nicht gezeigt. Nebenbei sei verraten, dass Frau Elfenbein für das Nicht Veröffentlichen ab sofort gewisse Summen erhält. Na wenn das kein Deal ist …